von CARL CHRISTIAN JANCKE

Es gibt Satire. Und es gibt Geschmackslosigkeiten. Wenn Böhmernmanns vermeintlich innovative “Late Night” Sendung Christian Lindner an den Selbstmord von Jürgen Möllemann erinnert, fällt das nicht mehr unter die Freiheit der Kunst.  Das Maß ist voll. 

Der deutsche Kaberettist ist von Hause aus links. Mangelnde Intelligenz gleicht er mit Sendungsbewusstsein aus. Und unter den blinden ist der einäugige König. Für den hält das deutsche Feuilleton Jan Böhmermann, der mit seinen Experimenten, die das ZDF in seinem dritten Programm “Neo” versteckt, ja auch tatsächlich etwas innovativen Wind in den eingeschlafenen Mainstream á la Illgner, Lanz und Co. zu bringen schien.

Doch leider neigt der Mann zum Überziehen. Sein Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Erdogan bestach nicht durch ein wohlgesetztes Versmaß, sondern durch an Beleidigung grenzende Provokation. Dass Erdogan so dumm war, dagegen vorzugehen, nötigte einen zur Solidarität mit dem zum Klamauken verkommenen “Late Night” Talker.

Der natürliche Feind des politischen Satirikers ist der Liberalismus jeder Ausprägung, gefährdet er doch die moralische Deutungshoheit des linksintellektuellen Mainstreams durch die Herausbildung des mündigen Bürgers. Emanzipation und Aufklärung sind dem Linken allenfalls ein Lippenbekenntnis wert. In Wahrheit sieht er durch sie seine vermeintliche Meinungsführerschaft gefährdet. Bilderbuchartig hat das die Heute-Show mit der FDP zwischen 2009 und 2013 vorgeführt. Vielleicht nicht ohne Erfolg.

Böhmermann geht mit dem Lindner-Möllemann-Vergleich, der an den Selbstmord Jürgen Möllemanns erinnert nicht mehr nur zu weit. Es ist Zeit für Böhmermanns Sendeschluss. Möllemann war in einer persönlich und politisch aussichtslosen Situation in den Tod gesprungen. Er hatte seinen und den Wahlkampf der FDP aus dubiosen Quellen in Millionenhöhe finanziert, vermutlich aus der arabischen Welt. Er bedankte sich mit der Aufnahme eines Antisemiten in die Landtagsfraktion und einem geschmacklosen antisemitischen “Flyer”, der den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und den jüdischen Publizisten Michel Friedman diffamierte. Das Druckwerk ließ der ehemalige Vorsitzende der Deutsch-Arabischen Gesellschaft auf “eigene” Kosten an alle Haushalte verteilen – ohne Absprache mit der Parteispitze. Als Möllemann in den Tod sprang, waren Steuerfahndung und Staatsanwaltschaft schon im Anmarsch auf Büro und Wohnung. Die FDP hatte sich bereits seiner entledigt. Der ersparte er einen handfesten Skandal, denn in der Partei hatte man kein großes Interesse zu erfahren, aus von wem der Kurzzeit-Vizekanzler und gelernte Hauptschullehrer seine millionenschweren “Beratungshonorare” bezog. Mit seinem Freitod legte sich eine Decke des Schweigens über den potentiellen Skandal.

Schon der Vergleich eines aktiven Politikers mit dieser Figur der Zeitgeschichte ist despektierlich, weil er ja nahelegt, dass Christian Lindner vergleichbare Praktiken anwendet und ähnliche Ansichten pflegt. Das bringt mich in die unangenehme Lage, den Mann ein zweites Mal in Schutz zu nehmen.

Übel und unentschuldbar wird es aber, wenn die “Neo Royale”- Redaktion fabuliert, Möllemann hätte schon lange die Reißleine gezogen. Damit legt das ZDF Lindner deFacto den Selbstmord nahe. Wenn die Verantwortlichen nach diesem Skandal nicht von der Mattscheibe fliegen, misst man mit zweierlei Mass in einem Umfeld, das vor political  correctness nur so strotzt.

Dabei hinkt der Vergleich. Möllemann starb, weil er es über sich brachte, die Reißleine, die den Fallschirm öffnete, eben nicht zu ziehen und den Rettungsfallschirm vorher zu deaktivieren. Keine Ahnung haben Böhmermann und Konsorten also auch noch..

 

 

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