Unsere geschätzte Gastautorin unterhält das Blog:Ahnungslosigkeit trifft Grössenwahn:

Was macht eigentlich ein Politiker während der Sommermonate, wenn er gerade nicht den Euro rettet, mit den Saudis um Panzer schachert oder mit Kind und Kegel in den Urlaub fährt? Richtig, er überlegt sich, wie man die Welt trotzdem ein bisschen schöner machen könnte. Das klappt in der Regel am besten, wenn man sich dafür mit Kindern, Menschenrechten oder Mutter Natur beschäftigt. Und da mangelnde Kompetenz in der Politik weniger als Hindernis, sondern viel mehr als Ermutigung für das Treffen von Entscheidungen gilt (vgl. Atomausstieg und Ethikrat), verirren sich so manche Mandatsträger dann auch gerne mal in für sie völlig fremden Gefilden. Ein schönes Beispiel dafür bietet der Vorsitzende des Tourismus-Ausschusses im Bundestag, Klaus Brähmig, der sich neuerdings nebenbei in Sachen Menschenrechte zu profilieren versucht. Der CDU-Mann aus Sachsen, der in seiner Freizeit am liebsten durch Südtirol wandert, hatte da nämlich kürzlich eine gute Idee[1]:

„Wir müssen uns fragen, ob es sinnvoll ist, in Länder zu reisen, die von einem diktatorischen Regime regiert werden. Darüber diskutieren wir gerade im Tourismus-Ausschuss. Ich plädiere dafür, in den Reisekatalogen freiwillig auch darauf hinzuweisen, wie es ein Land unter anderem mit den Menschenrechten hält. So werden positive Vorbilder belohnt.“

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Bestimmt ist es reiner Zufall, dass der smarte CDU-Mann ausgerechnet jetzt die Moral aus dem (Sonnen)Hut zaubert. Freilich ganz unabhängig vom Panzerdeal, der schon längst zu wutbürgerlicher Kollektiv-Empörung geführt und das Sympathiepunkte-Konto der Regierung endgültig ins Minus befördert hat. So soll natürlich auch der Eindruck, wonach der „Tourist mit ethischer Verantwortung“ nun die Erfolglosigkeit des Merkel’schen Zeigefingers ausbaden soll, welcher bislang weder China und Russland, noch weitere Halb- oder Vollzeit-Diktatoren sonderlich beeindruckt hat, tunlichst vermieden werden. Nein nein, Herr Brähmig ist weniger ein Spielverderber, sondern gebärt sich viel mehr als Mann mit edlen Zielen:

„Ich gönne es jedem, in der Sonne zu liegen und seine Ferien zu genießen. Aber was ist das für ein Gefühl, in einer noblen Hotelanlage unter Palmen einen Cocktail zu trinken und draußen vor der Mauer leben die Menschen in Unfreiheit? Ich persönlich habe damit ein Problem.“

Es ist zweifellos ganz prima, dass der Menschenrechtler Brähmig ein Problem mit Diktaturen jeglicher Couleur hat. Dass er hingegen kein Problem mit der Entmündigung der Bürger sowie mit subtilen Eingriffen in die Wirtschaft hat, ist allerdings durchaus bezeichnend. Denn der Vorschlag einer sogenannten „Reiseampel“ passt gut zur Idealvorstellung eines paternalistischen Staates, wo die Politik dem Bürger implizit vorschreibt, was er essen oder wohin er eben reisen soll. Abgesehen davon, dass Brähmigs Idee TUI und Kollegen (die vermutlich die Hälfte ihrer Kataloge durch Amnesty International-Berichte ersetzen müssten) wohl kaum in Euphorie versetzen würde, schadet sie zudem dem Imbissstand-Besitzer in Peking und dem Motel-Inhaber am Strand von Phuket, die mit der deutschen Lust auf Exotik durchaus gutes Geld verdienen. Denn ein Volk, das wegen eines zig Millionen Kilometer entfernen Atomunfalls augenblicklich Jodtabletten und Geigerzähler hortet, wird dann wohl auch lieber in den friedlichen Schwarzwald anstatt ins politisch mittelalterliche Dubai reisen. Was wiederum ein schöner Erfolg für den ambitionierten Menschenrechtsanwalt Brähmig wäre. Denn dieser delegiert damit nicht nur einen Teil der ethischen Verantwortung der Politiker auf ihre Wähler, was freilich ziemlich bequem ist. Zugleich formt er auch das Idealbild des paternalistischen Staates, der seine Bürger vordergründig verhätschelt, ihnen jedoch eigentlich die Fähigkeit zum eigenverantwortlichen Handeln abspricht bzw. ihn ganz offensichtlich für zu dumm hält, um selbst zu entscheiden, ob ein St. Petersburg-Trip nun moralisch zu verantworten ist oder nicht.

Während sich bislang alles um Fair Trade, Biokost und Regenwald-freundliches Bier drehte, soll nun also auch das Weltenbummeln – etwas, wovon man vor fünfzig Jahren noch träumte – politisch korrekt gestaltet werden. Der staatlich empfohlene Weg zum ultimativ guten Gewissen führt über eine Shopping-Tour quer durch die Reformhäuser und Dritte-Welt-Läden der Republik, und endet konsequenterweise im selbst zusammen geschusterten Baumhaus, wo man sich stromlos am Lagerfeuer wärmt und bei einem Glas regionalen Bio-Weißweins den Traumurlaub in heimischen Gefilden genießt. Wahlweise ließe sich das Baumhaus auch durch ein Zelt am nächst gelegen Baggersee ersetzen – Hauptsache ist nur, dass der Weg zum Urlaubsort möglichst mit dem Fahrrad, jedoch nicht mit Auto oder Flugzeug zu erreichen ist. Klimaschutz lässt grüßen.

Und während manch einer dabei der Euphorie und dem Rausch des guten Gewissens erliegt, lässt sich Bähring selbst heuer lieber beim Marsch durch die Südtiroler Alpen zu neuen politischen Heldentaten inspirieren. Vielleicht ereilen ihn dabei zur Abwechslung ja wirklich mal gute Ideen.

 

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