von CARL CHRISTIAN JANCKE

Björn  Höcke (AfD) ist ein reaktionärer, nationaler Sozialist. Das kann man nach seiner “Dresdner Rede” mit Fug und Recht behaupten. Seine Aussage zum Berliner Holocaust – Denkmal spielt dabei fast keine Rolle. Das mag Henryk M. Broder auch nicht. Schon wichtiger, warum und wie Höcke es ablehnt. Wer sich nur auf die veröffentlichten Zitate konzentriert, verkennt den perfiden Charakter der Rede, der in weiten Teilen dieselben Hypothesen und Techniken an den Tag legt, die einst die Nationalsozialistische Partei Deutschlands an die Macht spülte  (Bei Facebook ist dieser Post teilweise berechtigt kritisiert worden. Die falsche Behauptung, in Coventry wurden 10.000e getötet, war falsch. Alle anderen Punkte im wesentlichen unrelevant. Eine Stellungnahme findet sich unter den Kommentaren.)

Brutal besiegtes Volk

Die kaum beachtete Kernaussage: “Unser Geisteszustand ist der eines brutal besiegten Volkes.” Dahinter, formuliert der Rheinländer Höcke in Dresden, der in Thüringen eine steile politische Karriere gemacht hat, steckten die westlichen Alliierten, allen voran die USA, die uns “umerzogen” hätten und unser Leben “amerikanisiert” haben sollen.

Komisch, dass die sowjetische Besatzungsmacht, die halb Deutschland vierzig Jahre lang einsperren ließ, nicht in Höckes Rede vorkommt, ausgerechnet in Dresden.

Dresden

Die Bombardierung Dresdens, wo man “uns mit Stumpf und Stil vernichten wollte”, und “unsere Wurzeln roden wollte”, sei ein Kriegsverbrechen. Gerade weil Dresden ja keine nennenswerte militärische Infrastruktur gehabt hatte.

Der Bombenkrieg war grausam und entsetzlich. Angefangen wurde er aber von den Deutschen in der Luftschlacht über dem Ärmelkanal. Schon 1940 zerstörten deutsche Bomben Coventry und 10.000e starben auch dort.   Tatsächlich waren es wohl “nur”  mehr als 500 Tote in Coventry, dem “London Blitz” der deutschen Luftwaffe fielen gleichwohl 43.000 Zivilisten zum Opfer.

Wie hätte die Luftwaffe wohl agiert, wenn sie die Lufthoheit behalten hätte. Der Versuch eines Flächenbombardements durch die Luftwaffe wurde 1943 wegen zu hoher Verluste abgebrochen. Was wäre gewesen, wenn die V2 rechtzeitig fertig geworden wäre?

In Dresden wurde der Hauptbahnhof getroffen. Dort starben tausende, die auf dem Weg aus dem Osten weiter nach Westdeutschland wollten. Aber dieser Hauptbahnhof war eben auch ein Eisenbahnknoten mit Strecken nach Osten, Südosten, Westen und Norden. Der Nachschub für die Ostfront war auf diesen Knoten angewiesen und die alliierten Angriffe dienten eben auch dazu, diesen Knotenpunkt zu zerstören, um den Sowjets zu helfen. Das haben die Alliierten allerdings mehr als billigend in Kauf genommen.

Analogie zur Kriegsschuldfrage im ersten Weltkrieg

Um die Analogie zur Kriegsschuldfrage der Nazis zu schüren, vergleicht er das Flächenbombardement von Dresden mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, bei denen allerdings 10 mal mehr Menschen starben und die in der Tat keine militärische Ziele verfolgten. Das Perfide ist, dass er Dresden zu einem zweiten Versailles hochstilisiert und daraus die gewollte Vernichtung “unseres Volkes” ableitet.

Die Deutschen waren tatsächlich die Opfer der Kapitulation von Versailles. Für den ersten Weltkrieg wurde ihnen buchstäblich die Alleinschuld in die Schuhe geschoben und damit Reparationen und Gebietsverluste (Elsass-Lothringen) und die Besatzung des Ruhrgebietes, die Verkleinerung der Armee und etwa das Verbot des Flugzeugbaus gerechtfertigt. Das hat den Nationalsozialismus erst möglich gemacht, weil das Land so dauerhaft wirtschaftlich ruiniert, demoralisiert und gedemütigt war.

Reparationen: Käfer in der Taiga

Die vermeintliche Umerziehung und Vernichtung nach dem zweiten Weltkrieg sah ganz anders aus. Reparationen gab es fast nur im Osten. Die Russen montierten alles ab, was nicht niet- und nagelfest war oder den Bomben zum Opfer gefallen war. Welchen Einfluss das hatte, kann man rund um das Städtchen Fallersleben sehen, wo die Nazis den “Kraft durch Freude”-Wagen bauen wollten. Wäre die Demarkationslinie zwischen britischer und sowjetischer Besatzungsmacht ein bisschen weiter westlich verlaufen, Volkswagen hätte es nie gegeben und der Käfer – das Symbol des Wirtschaftswunders – wäre in der Taiga montiert worden.

Marshall- statt Morgenthauplan

Anders als von Höcke suggeriert, wollten die westlichen Siegermächte eben nicht Deutschland erneut vernichten und demütigen, sondern aufbauen und in die westliche Welt integrieren. Leider unter Inkaufnahme, dass die sowjetisch besetzte Zone davon ausgeschlossen war, wie der Rest Mittel- und Osteuropas, den die Sowjets in Geiselhaft genommen hatten. Aber für diese Details der Geschichtsbetrachtung hat Höcke keine Zeit.

Deshalb entschieden sich die USA bereits 1948 für den Marshall- und nicht für den Morgenthau-Plan. Der sah nämlich die Deindustrialisierung Deutschlands und die Verwandlung in einen Agrar-Staat vor. Stattdessen wurden rund 14 Milliarden Dollar bereit gestellt (Kaufkraft heute rund 130 Mrd. Euro), um einen schnellen Wiederaufbau Europas zu ermöglichen.

Muff von tausend Jahren statt Umerziehung

Höcke schwadroniert von der “Umerziehung”, die uns amerikanisiert habe. Doch die hat es nie gegeben. Ihre bescheidenen Entnafizisierungsversuche stellten die westlichen Alliierten schnell wieder ein, nachdem sie merkten, dass die Gesellschaft bei Inhaftierungen und Berufsverboten ohne ihre Leistungsträger gewesen werde. In Wahrheit hatten zu viele vermeintliche Mitläufer führende Rollen in Industrie, Militär und Verwaltung.

Auch die implizite Behauptung, es habe nun nur noch deutsche Täter und keine Opfer gegeben, stimmt nicht. Tatsächlich haben die Sowjets entgegen der Genfer Konvention Hunderttausende von Wehrmachtssoldaten auch nach der Kapitulation jahrelang als Kriegsgefangene gehalten und im wahrsten Sinne des Wortes in Arbeitslagern verschlissen. Mehr als 300.000 starben in sowjetischer Gefangenschaft.  Von Höcke darüber kein Wort. Es ist eben auch entscheidend, was man nicht sagt. Und ich weiß, wovon ich rede. Mein Vater ist mit 26 Jahren 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück gekommen. Wer im Westen gefangen wurde, kam schnell wieder frei

Die deutsche Erinnerungskultur ist weder von den Amerikanern indiziert noch befördert worden. Schon in den Fünfzigern wurden die (West-)Deutschen zu dringend im kalten Krieg gebraucht. Sie ist vielmehr eine Erfindung der “68iger”, die gegenüber ihren Professoren “Unter den Talaren den Muff von 1ooo Jahren” skandierten und anfingen, ihren Eltern kritische Fragen zu stellen. Aber als Zielscheibe für Höcke eignen sie sich nicht. Die “68iger” sind genauso kollektivistisch, antiamerikanisch und sozialistisch wie Höcke. Damit ließe sich die Hypothese nicht halten, die Erinnerungskultur solle der Unterwerfung des lieben Volkes durch die amerikanischen Imperialisten  dienen, nicht mehr halten.

Ökonomisierung der Gesellschaft

Neben Richard von Weizsäcker bekommt auch Roman Herzog sein Fett weg. Die Ruckrede sei Ausdruck der Neoliberalismus, gegen das eigene Volk gerichtet und habe der “Durchökonomisierung” und “Entfesselung der Finanzmärkte” Vorschub geleistet.

Hier richtet Höcke den Zorn seiner jungen Zuhörer gegen den “Neoliberalismus”, der die deutsche Wirtschaft aushöhlt. Er plädiert und agitiert gegen eine marktwirtschaftliche Ordnung. Als Herzog sich 1997 zu Wort meldete, hatte die Kohl-Regierung sich mit der Finanzierung der deutschen Einheit aus den Kassen der Sozialversicherung übernommen, die Arbeitskosten so nach oben getrieben und zur Massenarbeitslosigkeit beigetragen. Deutschland war überreguliert und der “kranke Mann Europas” ohne Wachstum und Zukunft. Erst Anfang des Jahrtausends drehte die rotgrüne Regierung unter Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 die Entwicklung um und wurde bitter dafür abgestraft.

Soviel Antisemitismus wie nötig und sowenig Antisemitismus wie möglich

Höckes Antisemitismus ist kalkuliert. Die Verwendung des nicht gekennzeichneten Augstein-Zitats generiert Aufmerksamkeit. Denn auf den ersten Blick ist der Verweis auf das “Denkmal der Schande” nicht zu beanstanden. Seine antisemitische Wendung bekommt der Begriff erst durch das Wort “Statt”.

Statt die nachwachsende Generation mit den “großen Wohltätern, den bekannten weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen”, so Höcke, werde “die deutsche Geschichte mies und lächerlich gemacht.” zitiert SPON.

Das ist weit her geholt. Denn all das ist anerkannter Bestandteil des deutschen Bildungskanons. Neben Eichmann, Goebbels, Göring und gar Hitler ist im Geschichtsunterricht auch von Bismarck und Friedrich dem großen, im Deutschunterricht von Gutenberg, Goethe, Schiller, Thomas Mann und dem Waffen-SS-Mann a.D. Günther Grass die Rede, und in Musik von Brahms, Mozart und Beethoven.

Aber im selben Artikel springen Maas, Schwesig und die Bundeskanzlerin brav über Höckes hingehaltenes Stöckchen und kritisieren das “Denkmal-Zitat”, das Höcke wohlkalkuliert in der Wortwahl bei Augstein klaut. Dann kann ja niemand was dagegen  haben.

Höckes Ablenkungsmanöver ging auf. Antisemitismus funktioniert zur Steigerung der Aufmerksankeit immer. Der Rest seiner revanchistischen Äußerungen ging unter.

Keine Alternative

Wenn Höcke für die Ideale der Partei steht, dann ist der Name “Alternative für Deutschland” Rosstäuscherei. Denn er bietet keine. Er formuliert lediglich, wogegen er ist, was er für falsch hält und bedient sich dabei Argumentationsmustern, die auch die Nazis genutzt haben.

Das ist kein Defizit und kein Versehen sondern Kalkül. Denn tatsächlich ist Höcke nicht “rechts” und nicht populärsozialistisch. Höcke lehnt das Gesellschaftsmodell des freiheitlichen Rechtsstaates und der individualistischen Gesellschaft als Ganzes ab. Von Demokratie wird er nur solange etwas halten, bis er bei Wahlen die absolute Mehrheit erreicht, aber nur weil ihm die Mittel eines Staatsstreichs nicht zur Verfügung stellen.

Seine Ideologie ist nationalistisch, er strebt eine kollektive Gesellschaftsordnung und die Zerstörung der marktwirtschaftlichen Ordnung an. Dass in seinem Geschichtsbild zwar die “amerikanische Umerziehung” im Mittelpunkt steht, während die Greuel der Sowjets im Krieg und während der vierzig jährigen Besatzung unerwähnt bleiben, ist Kalkül. In der AfD ist Tauroggen weit verbreitet. Die Konvention von Tauroggen, die der preußische General von York mit dem in Zarendiensten stehenden Hans-Karl von Debitsch unter Mitwirkung von Clausewitz 1812 schloss, führte zu einem Bündnis Russlands mit Preußen gegen Napoleon. Es war auch ein Symbol für das Bündnis von Monarchisten und Romantikern gegen die Werte der französischen Revolution und spukte immer wieder in den nationalistischen Köpfen deutscher Intellektueller als Symbol einer Russisch-Deutschen Allianz auf der Basis gemeinsamer Werte herum.

Dass Höcke kein lupenreiner Antisemit ist, macht die Sache nicht besser. Er ist ein deutschnationaler Sozialist, ein Feind der Freiheit. Wenn die AfD sich nicht von ihm trennt, ist sie nicht wählbar.

Das richtige Publikum

Wenn die Höckeschen antiamerikanischen Attacken berechtigt gewesen wären, sie trafen hier auf ein nichts wissendes Publikum. Denn das waren die Mitglieder der sächsischen “Jungen Alternative”, die er in bester Bürgerbräu-Manier aufstachelte. Junge Männer, die sich nicht mal mehr an die antiamerikanische und sozialistische Deutsche Demokratische Republik erinnern konnten und die wie ihre Eltern und ihre westdeutschen Brüder nie das Opfer amerikanischer Wurzelrodungen und Umerziehung gewesen sein konnten.

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