von CARL CHRISTIAN JANCKE

Die Teuerungsrate hat sich im Dezember verdoppelt und beträgt nun 1,7 Prozent.  Das wecke neue Befürchtungen meinen die Kollegen von der Welt und übersehen dabei, dass eine solche “Inflation” das Ziel der Politik der Europäischen Zentralbank war, um die Wirtschaft in Südeuropa anzukurbeln. Beide irren sich gewaltig. Denn diese Preissteigerung haben mit dem volkswirtschaftlichen Phänomen der “Inflation” nichts zu tun. 

Die klassische Ökonomie wurde in deFacto geschlossenen Volkswirtschaften entwickelt, in denen etwa innerhalb der Nationalökonomie die Energieversorgung durch Braun- und Steinkohle gesichert wurde und auch durch feste Wechselkurse kaum Preisschwankungen produziert entstanden. Deshalb hatte eine Veränderung der Geldmenge durch eine Zentralbank einen unmittelbaren Effekt.

Wenn die Geldmenge einer Nationalökonomie schneller wuchs als die Wirtschaft, wurde jede einzelne Einheit des Geldes weniger wert. Wenn es am Anfang nur 1000 Äpfel gab und 1000 Geldeinheiten, dann war jeder Apfel genau eine Geldeinheit wert. Wenn der Staat am nächsten Tag 500 zusätzliche Geldeinheiten bereitstellte und die Produktion von Äpfeln gleich blieb, dann war jeder Apfel plötzlich 1,50 Geldeinheiten wert und die Inflationsrate betrug 50%.

Unsere Welt unterscheidet sich von diesen geschlossenen Volkswirtschaften substantiell:

  1. Der wesentliche Teil der Energie wird aus Regionen mit fremden Währungen importiert: In unserem Fall sind das etwa Russland, Norwegen, Schottland, der arabische Raum und Nordamerika. Währungsschwankungen wirken sich unmittelbar auf unsere Energiekosten aus und verursachen Preisschwankungen.
  2. Die Energiepreise an sich schwanken erheblich und verursachen dadurch erhebliche Veränderungen unserer Lebenshaltungskosten.
  3. Anders als früher hat die im Umlauf befindliche Geldmenge keinen realen Bezug, wie etwa die Golddeckung. Früher stand auf jedem Geldschein die Unterschrift des Zentralbänkers, der die Geldnote ausgegeben hatte. Mit der garantierte er, dass bei Vorlage des entsprechenden Geldscheins eine bestimmte Menge Gold ausgezahlt würde. Bei jeder beliebigen Bank. Heute kann die Zentralbank die Menge des verfügbaren Geldes auf Knopfdruck vermehren oder verkleinern. Nicht einmal das vorhandene Bargeld reicht aus, um diese Menge zu decken. Käme es zu einem “Bankrun”, dann stünde nicht genug Bargeld zur Verfügung, um allen Bankkunden ihr Guthaben auszuzahlen. Je mehr elektronische Zahlungsmittel genutzt werden, desto höher wird die Lücke.
  4. Anders als in der geschlossenen Volkswirtschaft gibt es heute einen weltweiten Finanzmarkt, dessen Volumen ein vielfaches der Geldmenge ausmacht, die in der realen Wirtschaft steckt. Wenn Geld in der Industrie und Dienstleistungsbranche nicht gebraucht wird, fließt es in den Finanzmarkt und dann um den Globus.

Damit kein Irrtum aufkommt: Die reale Wirtschaft braucht den Finanzmarkt. Seine wesentliche Funktion ist, das Risiko der Unternehmen durch Übernahme von Haftung bereit zu stellen und Fremdkapital für Investitionen zu generieren. Der Spekulant übernimmt Risiken für die reale Wirtschaft. Exporteure können Wechselkurse absichern, Fluggesellschaften den Kerosinpreis. Spekulanten wetten darauf, dass sich diese Preise anders entwickeln, als etwa die Fluggesellschaften vermuten und wollen daraus einen Gewinn schlagen. Um ihr Risiko abzusichern, spekulieren sie in anderen Branchen und sichern etwa die Preise für Getreide an der Warenterminbörse in Chicago. So weiß der Farmer auf dem flachen Land schon bei der Einsaat, welchen Preis er später für das fertige Getreide bekommt. Natürlich könnte man behaupten, die Hälfte der Spekulation sei gefährlich und überflüssig. Niemand weiß nur, welche.

Zurück zur Preissteigerung: Wenn die Preise also im Dezember im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 Prozent gestiegen sind, hat das nichts damit zu tun, dass die Geldvermögen oder der Wert des Geldes dadurch deutlich gesunken sein. Lediglich der Ölpreis hat im Dezember einen ordentlichen Satz gemacht, weil die OPEC die Menge des angebotenen Öls verknappen will. Das führt sofort zu einer Steigerung der Preise geführt.

Umgekehrt sind  in den letzten zwei, drei Jahren steigende Preise, die wir alle im Portemonnaie gespürt haben, durch sinkende Energiekosten kompensiert worden. So dürften Mieten und Immobilienpreise stark gestiegen, die Preise für klassische Automobile sind etwa 2013/14 um rund 40 Prozent gestiegen. Das liegt aber nicht nur an der gestiegenen Geldmenge sondern auch an den niedrigen Zinsen. Festzuhalten bleibt: Die reale Preissteigerung ist heute etwas anderes als “Inflation”. Und deshalb taugt sie auch nicht als Instrument für die Geldmengensteuerung oder Indiz der Geldentwertung. Doch davon demnächst mehr.

 

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