von CARL CHRISTIAN JANCKE

Ich bin beschämt von mir. Heute ist der 84. Geburtstag meines alten Auftraggebers, Mentors und Weggefährten Dipl.Ing, Dipl.-Wirtsch.-Ing (darauf legte er Wert) Karl-Heinz Rüsberg. Letztes Jahr hatte ich – dachte ich – ihn zu seinem Geburtstag nicht erreicht. Ich hatte ihn nicht mal vergessen sondern war zu sehr mit mir beschäftigt. Außerdem wollte der ehemalige Leiter der Niederlassungen Schwerin und Halle und Sonderbevollmächtige der Präsidentin Birgit Breuel (auch darauf legte er besonderen Wert) immer unbedingt von mir noch einen Film haben, der aus seiner Wirkungszeit in Schwerin stammte. Doch das Originalband ließ sich nicht mehr auftreiben. Rüsberg blieb hartnäckig und ließ sich auch nicht abwimmeln. Irgendwann im Sommer 2014, er hatte sich mittlerweile einen Fahrer besorgt, stand er hier im Garten um an seinen Wunsch zu erinnern. Irgendwann rief er nicht mehr an.

Am 10. Juli 2015 ist er gestorben. Das habe ich nicht mitbekommen. Erst als heute jemand anders an seine altvertraute Mobilfunknummer ging, als ich ihm gratulieren wollte, habe ich das herausgefunden. Die Trauerfeier habe ich verpasst. Peinlich ist das falsche Wort für das, was ich dafür empfinde. Auch weil ich ahne, dass ich nicht der einzige bin, der nicht da war. Viele hat er genervt, angestoßen und angefeuert. Aber die meisten davon hat er – in den vier Jahren, in denen ich mit ihm zusammen gearbeitet habe – nicht nur gefordert sondern auch gefördert.

Morgen ist ein Feiertag, der ihm besonders am Herzen lag. Der Tag der Deutschen Einheit. Denn er war in Wittstock an der Dosse geboren. 1932. Gerade noch zu jung, um Soldat zu werden. Seine Familie machte schon früh in den Westen, als man noch nicht “rübermachen” sagte. In Graz studierte er Wirtschaftsingenieurwesen und wurde auch noch Diplom-Ingenieur. Dass es nicht zum Doktor gereicht hat, wird ihn Zeit seines Lebens gewurmt haben. Vielleicht war es auch die österreichische Prägung, die zu seiner Vorliebe für Titel und Insignien führte.

Rüsberg hat seine Mutter sehr geliebt. Die hat ihn wohl bis zu ihrem Tod 1988 nie losgelassen, so dass der alte Schwerenöter es nie zu einer Frau gebracht hat. An seinem Charme mag es nicht gelegen haben, wenn er hübschen Frauen noch mit 60 verschmitzt erklärte, er sei im heiratsfähigen Alter. Als ich ihn als Pressesprecher betreute, war festzustellen, dass er einen ordentlichen Herrenausstatter schon länger nicht mehr aufgesucht hatte. Anzüge und Pullover waren von bester Qualität, waren seinem Körperwachstum allerdings nicht gefolgt und waren schon etwas abgewetzt.

Ich habe damals immer gesagt, das ist ein Sechzehnjähriger im Körper eines Sechzigjährigen. Er hat sich – frei von Familie – vorbehaltlos für die Treuhand und die deutsche Einheit eingesetzt, nicht nur wegen der 300.000 Euro Grundgehalt, sondern aus Patriotismus. In seiner vorhergehenden Karriere ist seine – nennen wir sie – ungehobelte Art dem dauerhaften Erfolg im Wege gestanden. Er war aufbrausend, ungeduldig aber eben auch fair und humorvoll. Der Mann konnte auch über sich selbst lachen. Das ist eine Tugend. Und anders, als man vermuten kann, war er kritikfähig. Als er mich überflüssigerweise 40.000 km durch Westdeutschland innerhalb von drei Monaten gejagt hatte, weil die bei der “Treuhandtour für Ostdeutschland” von ihm ernannten “Senior Experts” lieber mit dem IHK-Geschäftsführer parlierten statt im Keller nach dem Starkstrom-Anschluß zu suchen, hat er sich dafür entschuldigt.

Rüsbergs Bilanz bei der Treuhand war lupenrein. Die rund 260 Unternehmen der Niederlassung Schwerin waren in zwei Jahren verkauft. Das Team, das er dabei geleitet hat, hat er befeuert. Das war nicht bequem – aber erfolgreich. Besagte Tour durch Ostdeutschland hat er als Sonderbeauftragter der Präsidentin der Treuhandanstalt genauso (mit meiner Unterstützung) zum Erfolg gemacht, wie eine Messe in Leipzig für Treuhandunternehmen, die wir binnen drei Monaten inkl. Kongress aus dem Boden gestampft haben. Abends um 10 kam er oft durch die Büros und lud in´s Best Western Hotel auf dem großen Dreesch (das Marzahn Schwerins) zu einem “bescheidenen Treuhand-Mahl”, das er aus eigener Tasche bezahlte. Beim Essen lachte er laut und schlug sich derbe auf die Schenkel.

 Sein Glanzstück legte Rüsberg in Halle hin. Die vorhergehende Niederlassungsleitung, einige Mitarbeiter und Liquidatoren hatten alle Vorurteile übertroffen, die man gegen die Treuhand in Hinsicht auf Kriminalität, Raubrittertum und Wessitum gehabt hatte. Drei Monate nach Amtsantritt titelte der Hallesche “Express”: Halle – Hoffnung für Tausende! DIESER MANN RÄUMT AUF! Auf dem Titelbild stand mit Trenchcoat und Bauarbeiterhelm, den er immer im Auto mitführte, vor dem Stadtbrunnen.

 Das hat er tatsächlich getan, auch weil er all denjenigen den Rücken freigehalten hat, die das in der Alltagsarbeit bewerkstelligt haben. Auch wenn ich die Pressekonferenzen über die Unternehmensschließungen alleine halten durfte und er die für die erfolgreichen Verkäufe oder Sanierungen. Aber er hat ja auch den Kopf dafür hingehalten.

 Mein Nachruf ist mein Beitrag zum Tag der deutschen Einheit. Denn es gibt viele Menschen, denen die ein Anliegen war. Hinterher ist man immer schlauer. Rüsberg hat ein Flugzeug gebaut und gleichzeitig geflogen. Er hätte sich einen Nachruf in der FAZ und der Welt gewünscht. Und verdient. Dafür ist er zu alt geworden. Nicht einmal ein paar gehässige Bemerkungen im SPIEGEL-Register. Er hat wohl ein paar dutzend Unternehmen gerettet und dafür gesorgt, dass zumindest für ein paar Jahre viele tausend Menschen ihren Job behalten haben. Das ist vergessen.

 Als er mit seinem obligaten Zwölfzylinder-BMW und Fahrer das letzte Mal im Sommer 2014 hier unvermittelt auftauchte, um sich nach dem Video zu erkundigen, blieb er kaum auf eine Tasse Kaffee. Und schenkte mir – nicht ohne Hintergedanken – eine Hochleistungstaschenlampe, die heute auf meinem Nachttisch steht.

Zu seinem Achtzigsten Geburtstag habe ich ihm noch vieles sagen können. Und zwei der drei Videos zeigen können, mit denen er dann auch noch bei der letzten Tagung der ehemaligen Niederlassungsleiter angeben konnte. Eins steht hier oben, aufgenommen auf seiner Abschiedsparty aus dem Jagdschloß Friedrichsmoor, wo er ein paar Zimmer bewohnte. Viele, die ihm viel zu verdanken haben, haben schon gefehlt. Wie ich bei seiner Beisetzung. Man macht nicht alles falsch. Aber eben auch nicht alles richtig.

 

Nicht nur ich habe dem Mann viel zu verdanken. Er war anständig, gradling, im besten Sinne konservativ und ehrlich. Ein rechter Patriot.

Das bleibt.