Guido Westerwelle ist nicht nur zu früh gestorben. Im Grunde war der Mann, der Genscher sein wollte, immer zu früh dran. Zu früh Generalsekretär, zu früh Parteivorsitzender und auch zu früh Außenminister und Vizekanzler. Und auch zu früh entmachtet. Nur weil er immer zu jung war, schien es ihm an Statur zu fehlen. 

Der Schatten, der über Westerwelle lag, hieß Jürgen W. Möllemann. Seit seinem Wahlsieg 2000 in NRW trieb der das ratlose Establishment der FDP rastlos vor sich her. Es gehört zu den wunden Punkten in der Parteigeschichte, dass man nie aufgeklärt hat, woher Möllemann die Millionen hatte, mit denen er sich diesen Erfolg erkaufte.

Um Möllemann als Parteivorsitzenden und “Kanzlerkandidaten” im Rahmen des Projekts “18” zu verhindern, trat der damalige Vorsitzende Wolfgang Gerhardt zur Seite. Westerwelle wurde Parteivorsitzender und übernahm Möllemanns Idee von der Spasspartei.

Westerwelle verbaute sich den Weg in die Seriosität mit dem Guidomobil, das auch vor dem Big Brother Container Halt machte. Bei seinen öffentlichen Auftritten war der Mann immer ein bisschen sehr laut, fast schrill. Er stellte sich ganz und gar in den Dienst der FDP, die ja seit 1998 nicht in der Regierung war.

Trotzdem. Möllemann verhagelte der Partei mit einem antisemitischen Flugblatt 2002  den Sieg und die Chance auf eine mögliche Schwarz-Gelbe Koalition unter einem Bundeskanzler Stoiber. Dass die Staatsanwaltschaft die Herkunft des Geldes herausfindet, verhinderte der Schnauzbartträger mt seinem Sprung in den Tod. Dass die FDP und Westerwelle das nicht aufklärte, markiert einen Bruch in der Geschichte der Partei.

Westerwelle machte weiter. Um Außenminister zu werden, propagierte er eine Steuerreform. Und wieder war er zu früh dran und ließ sich 2009 bei den Koalitionsverhandlungen förmlich über den Tisch ziehen. Schäuble und Merkel spielten die Boygroup gediegen an die Wand. Die Schuld dafür Westerwelle alleine in die Schuhe zu schieben, war falsch.

Genscher hat zu Beginn seiner Karriere nie polarisiert. Als Bundesinnenminister erwarb er sich die Anerkennung, als er sich in München 1972 gegenüber den arabischen (palästinensischen) Terroristen zum Austausch gegen die israelischen Geiseln anbot.

Auch Genscher wurde dämonisiert. Der vom Sozialliberalismus gepräge Mainstream machte ihm schon 1983 zum Vorwurf, dass er die Koalition zum Scheitern brachte und damit den scheinbar polyglotten Kanzler  und Weltökonom Helmut Schmidt zugunsten des lebendig bräsigen Provinzialisten Helmut Kohl in die Wüste schickte.

Unfreiwillig provozierte die Titanic seinerseits den Imagewechsel durch die Erfindung von “Genschman” (und seinem Assistenten “Mölleman” btw). Ein solcher Segen war dem Außenminister Westerwelle nicht vergönnt. Auch den Job bekam er zu früh und hatte ihn nicht lange genug inne.

Das mangelnde Rückrat der amtierenden FDP – Corona äußerte sich darin, dass sie Westerwelle als Parteivorsitzenden für die eigenen Fehler verantwortlich machte. Der setzte fälschlicherweise immer noch auf den Genscher-Bonus. Der wurde erst richtig populär, als er den Job des Parteivorsitzenden in andere Hände gab. Das war Westerwelles tragischer Irrtum.

Die Krokodilstränen, die angesichts Westerwelles Tod vergoßen werden, erscheinen verlogen eingedenk des medialen Dauerfeuers, das zu Amtszeiten auf ihn eingeprasselt ist, just von denen, die heute die Nachrufe auf jemanden verfassen, von dessen Bloßstellung sie sich noch vor zwei Jahren hinreichenden Zuspruch versprochen haben.

Viel spricht dafür, dass der Politiker Westerwelle stets nur eine Rolle spielte. Meine hochbetagte Mutter berichtete vor ein paar Jahren von einem ganz anderen Mann. “Ich kenne Sie aus dem Fernsehen” sagte die immer noch blitzgescheite Frau beim Frühstücksbuffet in Salzburg. Er habe ganz liebenswürdig geantwortet, sagte sie damals. Der Mann war eigentlich nicht laut und polternd, sondern, höflich, wohlerzogen und wohl auch charmant.

Er hätte eine zweite Chance verdient gehabt. Doch er war schon wieder zu früh dran.