Über Tote nur Gutes? Den Grundsatz überlasse ich den Grabrednern von Günter Grass. Ich rufe ihm auch Wahres hinterher. Denn der Mann war in der Waffen-SS und somit bekennender Nationalsozialist. Im Nachgang mutierte er zu dem, was man landläufig ein Kameradenschwein nennt. Er schändete seine toten Kameraden.  Und in einem seiner letzten Ergüsse noch immer “mit letzter Tinte” Antisemit bis auf seine maroden Knochen. Was wiegt dagegen die SPD-Ehrennadel und der Literatur-Nobelpreis. Auch jemanden wie Günter Grass wünsche ich nicht den Tod. Wenn er ihn im Alter von 87 Jahren ereilt, dann trifft das Wort meiner Großmutter seligen Angedenkens: “Die Kindsfrau ist nicht mehr dran schuld”. Grass hatte ein langes Leben und für ihn mag es auch ein schönes gewesen sein.

Kein Grund, zu vergessen, was er in diesem Leben alles angestellt hat. Am Anfang war bestimmt der Literat. Was bleiben wird, ist wohl die Blechtrommel und auch immerhin die literarische Verarbeitung des Abschußes der mit ostpreußischen Flüchtlingen vollbesetzten Wilhelm Gustloff durch die sowjetischen Freunde, die später halfen, dass wenigstens die Ostdeutschen durch die Teilung Deutschlands sich nicht der gerechten “Strafe für Ausschwitz” entzogen. Der Ostpreuße Grass, Sohn einer Kaschugin, hätte nach dieser, seiner Logik sein Schicksal im dann polnischen Danzig fristen müssen und viele seiner moralingesäuerten Absonderungen wären uns erspart gewesen. Ob er als Pole wohl mit dem mutigen Altersgenossen Lech Walesa gegen die Kommunisten und die sowjetischen Auschwitz-Rächer in den Kampf gezogen wäre?

Aber das erste Grasssche Moralgesetz lautet ohnehin: Was für andere gilt, ist ihm nicht vorzuwerfen. Er hat Recht. Mit ein wenig Pech konnte man als gemeiner Wehrpflichtiger zur Waffen-SS statt zur regulären Wehrmacht gezogen werden. Da war der Dienst unter den 150-Prozentigen sicher noch etwas unangenehmer. Dafür waren die schwarzen Uniformen ein bisschen schicker. Aber man konnte genauso in den regulären Kämpfen gegen die Alliierten Kräfte fallen wie gewöhnliche Wehrdienstsoldaten.

 

Grass hatte das Pech, zur Waffen-SS gezogen zu werden. Und das Glück, nicht dabei zu sterben. Das Glück hatten einige seiner Kameraden nicht, die im Waffenrock der Waffen-SS gefallen sind und in Bitburg auf einem Soldatenfriedhof ehrenvoll begraben wurden. Kamerad Grass polemisierte aufs Übelste gegen Helmut Kohl und Ronald Reagan, als die eben auf diesem Friedhof, auf dem auch der Waffen-SS-Mann Günter Grass mit ein wenig Pech hätte liegen können, eine Ehrung der toten Soldaten aller Nationen aus dem zweiten Weltkrieg vornehmen wollten. Der Mann kann noch nicht unter Amnesie gelitten haben, denn das war 1985. Da war der gestern Verstorbene noch im besten Mannesalter.  So ein Verhalten ist mit Hinterfotzigkeit zu verhalten beschrieben. In soldatischen Kreisen nennt man so jemand, der für sich eine andere moralische Meßlatte anlegt als für seinesgleichen ein Kameradenschwein.

 

Selbst der sonst so verständnisvolle Rafael Seligmann nannte das Gedicht, dass Grass vor ein paar Jahren mit letzter Tinte aus den Fingern floß, einen Schlag in sein Gesicht. Die Atommacht Israel, so schrieb er damals, gefährde den Weltfrieden. Das ging selbst weiten Teilen der “israelkritischen” Öffentlichkeit zu weit. Die Behauptung, des im beschaulichen Lübeck sesshaft gewordenen Pfeifenraucher des Jahres, man dürfe das in Deutschland ja nicht laut sagen, spottet jeder Beschreibung. Die Israelkritik steht selbst in Israel im umgekehrt reziproken Verhältnis zu den Dissidenten im islamischen Staat, die man schnell als kopflos bezeichnen kann. Und hierzulande gehört das Stirnrunzeln über die Siedlungspolitik Nethanjahus zu jedem ordentlichen Small-Talk des Establishments.

 

Politischer Irrtum muss verzeihbar bleiben. Aber Grass hat nicht nur geirrt. Er hat sich selbst bewußt belogen und andere so hinters Licht geführt. Er war nicht, wie Gerhard Schröder meinte, ein kritischer Geist. Sondern ein selbstgerechtes Arschloch. Das  muss man ihm nachrufen und es wird ihm gerecht. Vor seinen toten Waffen-SS-Kameraden hatte er schließlich auch keinen Respekt.

Seine literarische Leistung kann ich nicht beurteilen. Die “Blechtrommel” machte auf mich als noch nicht mal Pubertierenden hauptsächlich Eindruck wegen den Sex-Szenen des kleinwüchsigen Oskars mit dem Kindermädchen in der Strand-Umkleide. Aber trotz Deutsch-Leistungskurs hat sich mein Verhältnis zur Literatur nicht verbessert.

Trotzdem, mag man ihm wünschen, dass mit der Zeit sein literarisches Werk wieder gegenüber seiner Person an Macht gewinnt. Wenn über Grass genug Gras gewachsen ist, mag das gelingen.