Arme Claudia Roth. Sie wollte auch ein bisschen Charlie sein, jetzt hat sie auf Facebook einen Shitstorm an der Backe. Offenbar tun sich viele Menschen schwer damit, jemandem der sonst gerne den Dialog mit Islamisten sucht den plötzlichen Wandel zur Verteidigerin westlicher Werte abzunehmen. Tatsächlich sollte man sich angesichts der grassierenden Charliemanie ruhig noch einmal in Erinnerung rufen, wie sich die überwiegende Mehrheit unserer Polit- und Medienelite bisher zum Thema Meinungsfreiheit in Sachen Islam positioniert hat.

Erinnert sich noch jemand an Kurt Westergaard? Beim Staatsfunk hätte man den dänischen Zeichner am liebsten wieder ausgeladen. Dann traute Markus Lanz sich doch noch und musste bass erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass sein Interviewpartner ein liberaler Agnostiker und kein christlich-nationalistischer Islamhasser ist. Wer hätte das gedacht! In deutschen Feuilletons schäumten derweil politisch korrekte Kommentatoren gegen den „Provokateur“ Westergaard.

Wer damals nicht Kurt war, der kann heute nicht Charlie sein. Verständnis, Appeasement, im schlimmsten Fall (Israel) Affirmation. So lässt sich der Umgang weiter Teile der deutschen Medien mit dem Islamismus beschreiben. Wer das nicht glaubt, der kann gerne ein bisschen im FdoG-Archiv wühlen – Suchbegriffe “Islamismus”, “Antisemitismus”  oder einfach “Jakob Augstein” –  und sich diesen hervorragenden Beitrag von Ernst Hillebrand zu Gemüte führen.

Der ist übrigens Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, womit wir auch schon bei den wahren Charlies wären. Man muss nämlich kein Liberaler sein um die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen. Die Macher von Charlie Hebdo sind Linke. Manche ihrer lautesten Fürsprecher sind Konservative oder gläubige Christen. Der Punkt ist nicht, welche Partei man wählt oder ob und wenn ja in welches Gotteshaus man geht. Wichtig ist nur, wie man die Gretchenfrage der Islamdebatte beantwortet: Ist die Meinungsfreiheit mehr Wert als das Bedürfnis eines eingebildeten Herrenmenschenkollektivs auf Nichtbeleidigung? In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass die neu entdeckte Liebe zur freien Meinungsäußerung unseren Qualitätsmedienschaffenden erhalten bleibt. Weniger Neues Süddeutschland und mehr Anstand, das täte der deutschen Presse gut.

PS: Man kann auch als Moslem gegen den Terror kämpfen. Heldenmut kennt keine Religion. Das hat er mit Freiheitsliebe gemein.