Helmut Kohl ist noch nicht tot. Dass der ehemalige WDR-Journalist und der SPIEGEL jetzt mit dreizehn Jahre alten Indiskretionen Kasse machen, ist für die Geschichte irrelevant und ansonsten nur peinlich. 

Ich bin kein besonderer Freund “des Kanzlers der Einheit”. Was er aussenpolitisch richtig machte, machte er wirtschaftspolitisch rottenfalsch. Die erste verfehlte Währungsunion, mit der er die Mark der DDR um 400 Prozent aufwertete und den kümmerlichen Rest der DDR-Wirtschaft ruinierte, finanzierte er deFacto über die Sozialkassen. Ein erheblicher Teil der Staatsverschuldung ist darauf zurück zu führen. Und auch in der ersten Phase seiner Kanzlerschaft hat er in Deutschland Reformen unterlassen, wie sie Ronald Reagan und Margret Thatcher durchgeführt hatten. Hohe Arbeitslosigkeit und hohe Defizite waren die Folge. Und die “geistig-moralische Wende” blieb aus.

Aber schon wie man sich seiner zu Anfang des Jahrtausends entledigt hatte, war seiner nicht angemessen. Kohl hatte einige anonyme Spenden einkassiert und im Nachhinein dafür die Verantwortung übernommen. An das Wort, das er den Spendern gegeben hatte, fühlte er sich gebunden. Nun ist schwer vorstellbar, dass sich dieser Machtmensch von ein paar Millionen lenken ließ. Dafür war er viel zu egozentrisch. Über ihn und seinen Nachfolger Wolfgang Schäuble veranstaltete die Öffentlichkeit ein Scherbengericht. Im Zentrum stand damals die “CDU-Generalsekretärin” Angela Merkel, die beiden mit einem “unabgestimmten” Artikel in der FAZ den politischen Todesstoß versetzte.

In jener Zeit war Kohls Frau, die er wohl nicht besonders zuvorkommend behandelt hatte, schwer krank und beging schließlich deshalb Selbstmord. Heribert Schwan traf einen alten verbitterten Mann, der sein Leben am Ende gesehen haben muss. Und der zog vom Leder und ließ kein gutes Haar an all denen, die ihn kalt gestellt hatte. Das darf man nicht allzu ernst nehmen.

Dass die deutsche Erregungskultur aus diesen nicht ganz schönen Verhaltensweisen ein auflagensteigerndes Skandälchen macht und der Spiegel mit der Auflage Kasse machen will, zeugt von fehlendem Anstand und vor allen Dingen von mangelnden Maßstäben. Denn relevant ist das, was da in Oggersheim im Wohnzimmer aufgenommen wurde, nun wirklich nicht. Nicht für die Einschätzung von Kohls Lebensleistung und auch nicht für die Geschichte.

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