Wir leben in aufregenden Zeiten. Die Sharing Economy schickt sich an, traditionellen Geschäftsmodellen das Wasser abzugraben. Was Airbnb für die Hotelbranche ist könnte Uber für das Taxikartell werden. Gerade hob das Landgerichte Frankfurt die einstweilige Verfügung gegen Uber Pop auf. Es bleibt also spannend. Doch die Politik und mit ihr weite Teile der Medien, die oft genug den Eindruck erwecken, als seien sie die Pressestelle des Ministeriums für Bedenkenträgertum, sind da wieder einmal anderer Ansicht.

Wo viele Kunden und Mikrounternehmer Chancen auf mehr Wettbewerb, bessere Angebote und selbstbestimmte Erwerbsarbeit sehen, vermuten Kritiker Lohndumping, Sicherheitsrisiken und Profitgier. Und überhaupt: Wozu brauchen wir diese ganzen neumodischen Apps? Sind Hotels und Taxis nicht gut genug so wie sie sind? Die Antwort lautet: Offenbar nicht. Und falls doch, dann sind die neuen Geschäftsmodelle auch keine Gefahr für sie. Fortschritt und Entwicklung implizieren nun mal Veränderung.

Nun würden Politiker sämtlicher Parteien es nicht gerne hören, wenn man sie als fortschrittsfeindlich bezeichnet. Sie haben das ganze nur gerne „top down“, also von der Regierung dekretiert, behördlich durchgeplant und mit Steuergeldern finanziert. So wie den neuen Flughafen Berlin-Brandenburg. Die wundersame Welt des Internets aber ist ein Bottom-Up-Unterfangen, getragen von unzähligen Menschen aus aller Herren Länder. Von keiner Bürokratie koordiniert kooperieren sie aus freien Stücken und schaffen so alle naslang Dinge, die sich vorgestern noch keiner hätte träumen lassen. Diese schlampigen Verhältnisse mag die Politik, zumal die deutsche, gar nicht. Das ist selbstredend auch der weltanschauliche Ausgangspunkt von Günther Oettinger, der sich seit knapp einer Woche EU-Kommissar für Digitalwirtschaft nennen darf. Kaum im Amt verordnet er „Deutschland und Europa“ die Digitalisierung als „Top-Thema“. Das ist der Duktus eines Oberlehrers, der seiner faulen Klasse eine Extraseite Lateinvokabeln aufgibt.

Herr Oettinger spricht leider zu schlecht Englisch, um sich eingehender mit den Anfängen der IT-Branche Mitte der 70er Jahre in Kalifornien zu befassen. Damals trafen sich ein paar zottelige Technikfreaks in einer Garage, um sich über Elektronik auszutauschen. Der „Homebrew Computer Club“, der später in einen Hörsaal der Uni Stanford umzog, war die Keimzelle vieler Hardwarefirmen, unter ihnen Apple. Besonders gerne bastelte man gemeinsam am MITS Altair herum, einem Protocomputer, den die meisten von uns wohl nicht einmal als einen solchen erkennen würden. Der Altair ging auf das Konto von Ed Roberts, einem Tüftler aus New Mexiko, der ein kleines Unternehmen für Taschenrechner betrieb. Ein junger Student mit einer Vorliebe für Acid Rock bot Roberts an, den Altair fit für die Programmiersprache BASIC zu machen. Sein Lohn waren ein paar tausend Dollar. Aus Altair BASIC wurde bald darauf Microsoft BASIC und der Studienabbrecher Bill Gates hatte seinen ersten Schritt zum Milliardär getan.

Was das Günter Oettinger sagen könnte? Dass es nicht Behörden und Politiker sind, die technische Revolutionen ins Rollen bringen. Irgendwo auf der Welt schraubt vielleicht gerade jetzt ein Bastler in seinem Hobbykeller an einer unscheinbaren Maschine, die der Ausgangspunkt von etwas wird, das weder er noch wir uns heute überhaupt vorstellen können. So etwas lässt sich nicht planen. Alles was es braucht ist eine Gesellschaft, die offen ist für neue Ideen und Veränderung auch als Chance statt immer nur als Bedrohung begreift. Auch das ist etwas, was Politik und Behörden nicht herbeiregulieren können. Es würde schon reichen, wenn sie einfach nicht stören!