Ich bin ein libertärer Anarchist. Das weiß ich dank des „FreiheitsChecks“ auf der Website der Grünen-Bundestagsfraktion. Der bemüht ironische Test soll die Parteimitglieder auf den grünen Freiheitskongress einstimmen, der Mitte September in Berlin ansteht. Bei mir ist die Diagnose trotz des witzigen Tonfalls ernst: “Du spuckst auf den Staat und glaubst, wenn der abgeschafft ist, wird alles gut. Bei dir schütteln sich radikale Autonome und radikale Kapitalisten die Hand”.

Grünes Cowgirl

 

Ein Freiheitskongress der Grünen? Das klingt so glaubwürdig wie veganer Grillspaß. Tatsächlich merkt man dem Internetauftritt an, wie sehr die Partei der Ökospießer bei dem Thema fremdelt. Zur Illustration reitet ein Cowgirl Richtung Horizont. Warum? Wegen der Frauenquote? Oder sind die Grünen beim Thema Freiheit so weit, weit von zu Haus wie sonst nur Lucky Luke auf dem Weg in den Sonnenuntergang? Ross und Reiterin lassen den liberalen Betrachter ratlos zurück.

Manche Fragen des „FreiheitsChecks“ sind so penetrant lustig, dass man das Augenzwinkern beim Lesen spüren kann. Das muss vermutlich so sein, denn die Grünen muten ihren Anhängern einiges zu:

Freie Entscheidungen haben Konsequenzen. Damit muss man leben. Wer jahrelang nur Kunst macht, die keiner sehen will, landet irgendwann bei Hartz 4. Ingenieure arbeiten viel härter, werden gebraucht und verdienen das Hundertfache. Das ist gerecht und Ergebnis der Freiheit.

Jeder Mensch muss die Freiheit haben, zu sagen, was sie will. Wenn das jemand anderen verletzt, dann muss der das aushalten. Besser Freiheit als gesetzlich kontrollierter Streichelzoo.

Ich arbeite mehr als den halben Tag, um irgendwelche Schnarchnasen in Behörden zu finanzieren. Wenn ich dafür keine Steuern bezahle, kommt die Polizei. Das Finanzamt schränkt meine Freiheit ein.

Eigenverantwortung, Meinungsfreiheit und das Recht auf Eigentum, das geht bei den Grünen momentan nur als Scherz. Auch der verlinkte Lesestoff macht wenig Hoffnung. „Laissez-faire ist keine Lösung“ und „Freiheit ist voraussetzungsreich“ mahnen schon die Überschriften, dann wird Camus als Vordenker eines neuen, grünen Freiheitsbegriffs präsentiert, weil er so gerne nackt badete. Nun ja. Das Programm des Kongresses fragt dann auch artig „Wie vertragen sich Öko und Freiheit?“, fordert „Freiheit vom Optimierungszwang“ und gipfelt in dem Schlachtruf „Gleiche Freiheit für Alle!“. Besser wäre keine Macht für niemand, aber so weit sind die Ökos noch lange nicht. Man wird das Gefühl nicht los, dass es weniger um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit geht, als vielmehr um die gruppentherapeutische Selbstversicherung, keine Verbotspartei zu sein.

Doch trotzdem ist nicht alles für die Ökotonne, auch wenn die Blumen der Freiheit im Kompost der grünen Selbstbespiegelung nur zaghaft blühen. Zwar wird nur an zwei (!) Stellen im Programm positiv auf die Marktwirtschaft rekurriert, doch viele Linke sind Gefühlsantikapitalisten, die schon mal auf andere Gedanken kommen können, wenn nicht immer nur die alte Leier vom bösen Profit und der schädlichen Gier gespielt wird. Fakten, selbst wenn sie spärlich eingesetzt werden, sind für Ressentiments brandgefährlich. Die Verfasserin weiß wovon sie spricht. In diesem Sinne: Reitet weiter, immer weiter, ihr grünen Freiheitscowboys!