Früher gab es Liberale in allen Parteien. Heute gibt es nicht mal mehr eine liberale Partei. Wer früher für die Freiheit eintrat, konnte gleichzeitig Werte wie das Christliche Menschenbild oder die soziale Sicherheit für so wichtig halten, dass er sich einer solchen Partei anschloß. Heute sind Persönlichkeiten wie Klaus von Dohnany oder Ludwig Erhard in den Volksparteien kaum vorstellbar. Dass sich jemand wie Thilo Sarrazin in die SPD verirrt, ist heute wohl kaum vorstellbar. Der wäre nicht mal mehr in der CDU konsensfähig. 

Diese Woche war der im Hayek-Club in Berlin zu Gast und zog ein großes Publikum an. Zu recht, wenn man auch nicht mit allen seinen Hypothesen übereinstimmen mag, so erwies er sich als wahrer Entertainer, der seine Hypothesen zugespitzt und humorvoll vortrug.

Im Zentrum seiner Ausführungen stand sein neues Buch über den “Tugendterror”, dass seinen Erfahrungen mit “Deutschland schafft sich ab”, wiederspiegelt, als er wegen dieses Werkes deFacto gezwungen wurde, seinen Job als Vorstandsmitglied der Bundesbank aufzugeben.

Dass ausgerechnet der damalige Bundespräsident Christian Wulff in diese Debatte eingriff und Sarrazin für sakrosant erklärte, lässt dessen Medienschelte in der gleichen Woche in einem fragwürdigen Licht erscheinen.

Sarrazins Einblick in seine Tätigkeit als Bundesbank-Vorstand legte nahe, dass man sich in einer solchen Funktion nicht mehr überarbeitet, so dass ihm nebenher genug Zeit blieb, seinen ersten Bestseller zu schreiben.

Sarrazin wendet sich gegen die Gleichmacherei. Das ist für einen Sozialdemokraten schon fast ungewöhnlich. Dass er darauf verweist, dass die Menschen nicht gleich geboren werden, sondern unterschiedlich intelligent auf die Welt kommen,  mag dem ein oder anderen unangenehm sein. Als Liebhaber der Statistik, der ich mißtraue, führt er den entsprechenden Beweis. Auch Hayek vertraute nicht auf die Macht der Zahl sondern die Musteraussage oder die Erklärung des Prinzips. Damit kommt man aber wohl kaum zu anderen Erkenntnissen. Aber damit widerspricht Sarrazin auch dem Postulat der “Chancengleichheit”. Du hast keine Chance, also nutze sie.

Sarrazins Weltbild ist nicht egalitär – zu recht – aber statisch und deterministisch. Denkt man seinen Ansatz zu Ende, dann gäbe es keine Evolution. Soziale Evolution ist aber der Nukleus der Hayekschen Wissenschaftstheorie. Wer aus einem “guten Elternhaus” stammt, hat einen Vorsprung. Der kann aber auch träge machen.

Im Grundsatz ist Sarrazin aber natürlich Recht zu geben. Die Menschen sind nicht gleich. Schon Stalin scheiterte am “neuen Menschen”, der den Anforderungen des Sozialismus entsprechend geformt werden sollte.

Die Menschen sind verschieden. Und für unterschiedliche Aufgaben verschieden begabt.  Und das ist gut so. Mann und Frau unterscheiden sich auch nicht nur über ihre Geschlechtsteile. Religion, Herkunft und Sozialisation beeinflussen nicht nur den Charakter.

Interessant war in der anschließenden Diskussion die Frage nach der staatlichen Moral. Vor einigen Jahren hatte der damalige Finanzsenator Sarrazin den Ankauf von Steuer-CDs verteidigt. Hehlerware, denn die Daten, die darauf gebrannt waren, waren geklaut.

In der Antwort wusste Sarrazin immerhin zu unterscheiden. Hoeneß sässe zu Recht aber die Medien sei entwürdigend mit ihm umgegangen. Er käme aber ja wieder raus.

Der Mann ist ein Staatsdiener. Auch wenn man manchmal nicht weiß, ob er dem Staat oder der Staat ihm dient. Der ist für ihn allerdings kein Selbstzweck: Sondern Vehikel für die Freiheit des Einzelnen. Für den wahren Liberalen ist das schwer verständlich. Liberalismus und Etatismus wiedersprechen sich ja dem Grunde nach.