So einen Tod wünsche ich jedem. Schnell und schmerzlos. Ohne jede Ankündigung und frei von Siechtum. Nur nicht so früh. Für ihn ist es nun gut. Für seine Familie, seine Freunde natürlich nicht. Ihnen gehört das Mitgefühl. Aber Frank Schirrmacher war eine öffentliche Figur, die eine Instanz in seinem Sinne instrumentalisierte. Neben ihm gibt es weitere FAZ-Herausgeber, aber keinen, den man kennt und keinen, der in der öffentlichen Debatte eine Rolle spielte. Es bleibt ihm auch im Tode nicht erspart, Widerspruch zu hören. Schirrmacher bleibt ein analoger Intellektueller, ein Mann des 20. Jahrhunderts, der die digitale Welt einfach nicht verstand. Und die Marktwirtschaft schon gar nicht. 

Hier geht es nicht um den Menschen Schirrmacher sondern um das Phänomen. Das Phänomen des typischen konservativen Intellektuellen, der das deutsche Meinungsbild beherrscht. Untypisch war vielleicht sein Wille zur Macht, seine Formulierungsgabe und sein taktisches Geschick, “Debatten anzuzetteln”. Wäre ich FAZ-Herausgeber, könnte ich das wahrscheinlich auch. Wenn ich Eric Schmidt oder Matthias Döpfner bitten würde, auf diesem Blog Beiträge zu verfassen, würde ich es nicht mal in´s email-Fach der persönlichen Referenten schaffen.

Die FAZ, der sich Schirrmacher bemächtigte, war das Zentralorgan des deutschen Bürgertums. Er hat sie mir entfremdet. Sie sei schwarz-rot-gelb, hat der unvergessene Reich-Ranicki einmal gesagt. Das Politik-Ressort sei schwarz, der Wirtschaftsteil gelb (im Sinne von wirtschaftsliberal) und das Feulletion rot. Ich habe immer zuerst die Todesanzeigen gelesen. Schirrmacher war der lebende Beweis, dass der deutsche Konservatismus immer auch sozialistisch war.

Mit Schirrmacher gewann der Populärmarxismus ein modernes Antlitz. Amerikanische Atomphysiker hätten am Ende des kalten Krieges die Wall Street erobert und mit ihren Algoritmen und der Spieltheorie die Profitgier des Kapitalismus auf die Spitze getrieben. Sekundiert werden sie dabei von Google, Facebook und Konsorten, amerikanischen Monopolisten, die der Menschheit durch ihre Gewinne eine neue Dimension der Ausbeutung zuführten. Wenn Schirrmacher es nicht geschrieben hätte, die hätten es nie gemerkt. Wenigsten hat er keine Juden dabei entdeckt. Aber es gehört zum guten Ton der Intellektuellen, dass sie den Amerikanern die Befreiung auch dann noch übel nehmen, wenn sie die gar nicht erlebt haben.

Schirrmacher hat wohl auch die “Google-Debatte” angezettelt. Wer sich über die Übermacht der Algoritmen des Silicon Valley ärgert, dem sei eine einfache Frage gestellt: Warum hat sie nicht Axel Springer, Hubert Burda oder die deutsche Telekom ersonnen? In Deutschland haben selbst Start-ups nur Nachahmerprojekte im Angebot: Zalando ist auch nichts anderes als ein schreiendes Amazon.

Europa ist ein Kontinent der Vielfalt. Er ist nicht nur in einer finanziellen Krise, weil der EURO den Süden unter einen Wettbewerbsdruck setzt, unter dem er zusammen bricht. Er ist nicht nur in einer institutionellen Krise, weil die Europäische Union die Freiheit des Einzelnen und die Subsidarität mit Füssen tritt. Vor allem ist dieser Kontinent in einer intellektuellen Krise, weil seine Vordenker in der Mehrheit einem indifferenten, marxistisch geprägten Gedankengut anhängen.

Schirrmacher hat Debatten angezettelt. Aber die Themen von der Vergreisung über die informationelle Selbstbestimmung bis zur Angst vor Google lagen immer zum Greifen nahe oder wurden längst geführt. Nur nicht im Feulletion der FAZ.

Man sagt über die Toten nur Gutes. Im Angesicht des Endes sieht man mehr, was fehlt. Und viele Nachrufer wissen Privates und Persönliches zu berichten. Das ist auch gut so. Hier steht über den Toten nur wahres. Weil das Phänomen Schirrmacher mehr ist als nur ein Symptom. Und so wird man ihm gerecht.