Eine Szene wie aus einem postmodernen Theaterstück spielte sich letztens vor einem Discounter in Mainz ab: Ein junger Mann schüttete seelenruhig 60 Liter Mineralwasser in den Gulli. Er hatte die Flaschen gerade erst mit einem 50 Euro Gutschein des Jobcenters erworben. Sinn des Unterfangens war jedoch nicht provokante Performancekunst, sondern schlicht das Flaschenpfand. Mit dem kann ein Hartz-IV-Empfänger nämlich endlich das kaufen, was er mit den staatlichen Gutscheinen nicht erwerben darf: Alkohol und Zigaretten. Und so kam es dann auch: Nach getanem Werk machte der Mann kehrt und kassierte im gleichen Supermarkt für die leeren Flaschen 20 Euro, die er sofort in legale Rauschmittel investierte. Der Begriff Transferleistung hat eben zwei Bedeutungen.

Auch wenn es nicht gewollt war, die Aktion des findigen Herrn bringt die Dümmlichkeit unseres allzuständigen Superstaates schön auf den Punkt. Da wäre einmal das staatlich aufoktroyierte Flaschenpfand, eine Placebo-Regulierung für die gefühlte Umweltfreundlichkeit, die immerhin die gute Eigenschaft hat, eine Einnahmequelle für sozial Schwache zu bieten. Am schwersten wiegen aber die Disziplinierungsversuche der Sozialbürokratie, die den von ihr verwalteten Menschen vorschreibt, was sie zu konsumieren haben. Erstaunlich ist dies auch, weil Linkspartei, Wohlfahrtsverbände und andere Staatslobbyisten jeden sofort als Unmenschen titulieren würden, der Hartz-IV-Empfänger mit gesteigertem Interesse an Alkohol in Verbindung bringt. Dabei scheinen die Konsumgewohnheiten der ihnen anvertrauten Schäfchen die wohlfahrtsstaatlichen Hirten schon länger umzutreiben.

Auf Anfrage der Presse bezüglich sozialbürokratischer Handhabe gegen den dreisten Mineralwasserverschütter beklagte der Stadtsprecher von Mainz im Namen des Jobcenters, dass man den Bürger „ab einem gewissen Punkt“ eben alleine lassen muss – leider will man aus etatistischer Perspektive hinzufügen. Es habe sich sogar schon ein Schwarzmarkt etabliert, auf dem Gutscheine verscherbelt worden seien, um mit dem so erhaltenen Bargeld Alk und Kippen erwerben zu können, weswegen man keine 100-Euro-Gutscheine mehr ausgebe. Es ist schon seltsam: Der Staat erlaubt den Verkauf von Alkohol und Tabak und verdient Dank Steuern gut daran, aber Sozialhilfeempfängern verweigert er diese legalen Laster. Es scheint fast so, als würde man den Status als mündiger Erwachsener verlieren, sobald man in die Fänge der pädagogisch wertvoll agierenden Sozialdiktatur kommt.

Und wenn wir schon dabei sind deutsche Absurditäten zu benennen: Die Supermarktleiterin, die gleich beim Jobcenter angerufen hatte, um den renitenten jungen Mann zu melden, empörte sich erwartungsgemäß darüber, „dass jemand literweise Wasser einfach wegschüttet“während im Rest der Welt Menschen verdursten. Nun besteht natürlich kein Zusammenhang zwischen einer Dürre in der Sahelzone und dem Mineralwasserkonsum deutscher Sozialhilfeempfänger. Mehr noch: Der öko-pietistische Wassersparwahn, dem man in Deutschland mit Hingabe frönt, damit der Schwarzwald nicht versteppt, führt mittlerweile zu argen Problemen in der Abwasserentsorgung. Wasserversorger müssen für teures Geld mit Frischwasser nachspülen, wo zu wenig Abwasser Rückstände in den Rohren wuchern lässt. Und das in einem Land mit Wasserüberfluss.

Der Mainzer Rebel with a cause hat also alles richtig gemacht. Seinen Rausch hat er sich redlich verdient.