Angesichts des Ergebnisses der Europawahl befällt den liberal denkenden Menschen erwartungsgemäß der Trübsinn. Die Frage Schulz oder Juncker war aus Sicht EU-skeptischer Freiheitsfreunde nie eine und die Erfolge rechter und linker Extremisten stimmen auch nicht hoffnungsfroh. Die wenigsten unter ihnen sind so wohlerzogen wie die braven Spießer von der AFD. Euroskepsis verkauft sich europaweit vor allem dann gut, wenn sie rot-braun schattiert ist.

Bleibt nur die Technik des Reframings, die Therapeuten in schwierigen Lebenslagen empfehlen: Selbst negativen Ereignissen kann man positive Aspekte abgewinnen, wenn man den Blickwinkel wechselt. Die EU-selige Harmonie, die in der Abnickerinstitution Europaparlament für gewöhnlich herrscht, wird von den Radikalinkis empfindlich gestört werden, so viel ist immerhin sicher. Die intelligenteren unter ihnen – Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – werden berechtigte Fragen aufwerfen, anstatt sich nur in tumber Polemik zu ergehen. Von UKIPs Farange weiß man bereits, dass er Eurokraten trefflich auf die Nerven gehen kann. Selbst der Camembert-Faschistin Le Pen und den kommunistischen Spinnern von Syriza ist immerhin kontinuierliche Brüsselkritik zuzutrauen. Es gibt einfach so viele Dinge, die in EUkratistan im Argen liegen, dass selbst ideologisch verblendete Hühner genügend lohnende Körner finden werden.

Die Ja-Sager Fraktionen von Grün bis Konservativ werden in der kommenden Legislaturperiode mehr Arbeit damit haben, ihre Entscheidungen zu begründen und zu rechtfertigen. Und das ist auch gut so, selbst wenn es auf Druck von Links- und Rechtspopulisten geschieht. Trotzdem sollten die Erfolge radikaler Strömungen den Politeliten zu denken geben. Wenn Harmoniesucht und Allmachtsfantasien dazu führen, dass euroskeptische Ansichten aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt werden, dann stärkt das langfristig die politischen Ränder. Das Erstarken der Faranges und Le Pens hat sich Brüssel selbst zuzuschreiben. Es wäre eine schöne Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet diese Kräfte jetzt zu mehr Transparenz und einer lebendigeren Debattenkultur im Europaparlament beitragen und somit langfristig einem kranken System den Weg zur Besserung weisen könnten.