Byung Chul Han ist Professor für Philosophie an der Universität der Künste in Berlin. Und schreibt am letzten Sonntag in der FAS einen abgrundschlechten Text, in dem er als wahre Unglüclsursache des Schiffsunglücls in Südkorea den Neoliberalismus und die “Profitgier” ausmacht. Er schändet damit das Angedenken der Toten, weil die sich dagegen nicht einmal wehren können, auf so dumme und plumpe Art instrumentalisiert zu werden. Dass der Philosoph auch noch beim ADAC korrupte Strukturen ausmacht, ist da schon fast nicht mehr der Rede wert. Dass ein solcher Text im Zentralorgan des Bürgertums, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erscheinen kann, ist der wahre Skandal. 

Weil in Südkorea die Vorschrift gelockert wurde, dass Schiffe nunmehr 30 statt 20 Jahre alt werden durften, hat die Reederei aus “Profitgier” in Japan ein 19 Jahre altes Schiff gebaut. Und das ist, weil es 20 Jahre alt ist, untergegangen. Hätte die Reederei das Schiff nicht gekauft, wäre es nicht untergegangen.

Der Kapitän hat das sinkende Schiff nur deshalb verlassen, weil er einen auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag mit einem viel zu niedrigen Lohn abschließen muste.

Beides ist die Schuld des Neoliberalismus und des in alle Lebensbereiche eingreifenden kalten Wettbewerbs, den selbst der Erfinder des Begriffs, Walter Rüstow, nicht in der gesamten Wirtschaft verbreitet sehen wollte. Die Verrohung der Gesellschaft, das Vertrauen geht verloren. Das Schiff, so lautet die Überschrift, das Schiff sind wir alle!

Fährunglücke sind kein Produkt des Zeitalter des Neoliberalismus und auch kein typisch südkoreaniscches Ereignis. 1987 ging die Herald of Free Enterprise unter, 193 Passagiere kamen um´s Leben, das Schiff war keine sieben Jahre alt. Die 14 Jahre alte Estonia ging 1994 unter. 852 Menschen starben. Im August 2013 starben rund 120 Menschen bei einem Fährunglück vor der philippinischen Küste.

Ursache dieser Unglücke war wohl meist menschliches Versagen, verschärft durch den besonderen Schiffstyp der “Roll on-Roll off-Fähre”, der seit 1960 in Betrieb ist.  Deren technisches Problem beschrieb der Spiegel schon 1987 aufgrund des Unglücks der “Herald of the Free Enterprise: Die Tore an Bug und Heck machen das Schiff für Wassereintritt anfällig und bei einer Schieflage verrutschen die unverzurrten Autos und Lastwagen im Unterdeck und beschleunigen so exponentiell den Untergang. Ein Test der britischen Elitesoldaten ergab schon 1986, dass die Gänge und Treppen viel zu eng sind, um ein solches Schiff schnell genug zu evakuieren.  Im Zeitablauf wurden diese Schiffe immer größer und damit auch die Grösse der nur auf Reifen stehenden Fracht, die diesen Effekt im Zweifel veschärft. Ein dreißig oder vierzig Jahre alter Seelenverkäufer wäre also wahrscheinlich gar nicht auf Grund gelaufen und dann auch nicht so schnell gesnuken.

Selbst wenn das Ruder des Schiffes defekt gewesen sein sollte, der Grund für die vielen Opfer ist menschliches Versagen: Weil er keine rettenden Schiffe in der Nähe sah und wohl nicht mit einem schnellen Untergang rechnete, begann der Kapitän nicht umgehend mit der Evakuierung. Das hat wohl viel mehr Menschen das Leben gekostet, als hätten sterben müssen. Als der Kapitän das Schiff verließ, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Und sein befristeter Vertrag ist kaum schuld an diesem reudigen Verhalten. Sein italienischer Kollege von der Costa Concordia war wohl fest angestellt.  Vorsichtshalber wertet der Autor dessen Fehlverhalten als generellen Gesinnungswandel aufgrund des um sich greifenden Neo-Liberalismus.

Betrachtet man die Lage Südlkoreas, werden seine Behauptungen vollständig grotesk. Seit 60 Jahren im kalten Krieg und unter der ständigen Bedrohung, dass einer aus der irren nordkoreanischen Kim-Dynastie auch nur versehentlich eine Atom-Rakete auf Seoul abschießt, wandelte sich der Süden von der Militärdiktatur seit den Achtziger Jahren zum demokratischen Rechsstaat und von der Autokratie zu einer Marktwirtschaft. Das Brutto-Inlandsprodukt wuchs von 100 Dollar pro Kopf zu Beginn der Sechziger Jahre auf über 20.000 Dollar heute. Die Wachstumsraten sind zweistellig. Die Exporterfolge sind unbestritten. Bis es von Island überholt wurde, hatte Nordkorea die meisten Breitbandanschlüße pro Kopf. Unsere Telekommunikationsinfrastruktur ist dagegen geprägt von den Kupferkabeln, die die deutsche Reichspost vor dem zweiten Weltkrieg verlegt hat.

Es gibt also viele gute Gründe, anzunehmen, dass es den Südkoreanern besser geht als zu Zeiten der den Gemeinsinn fördernden Militärdiktatur, bei der der Rettungsdienst ordentlich staatlich organisiert gewesen sein mag.

Dass Byug Chul Han in Schirrmachers Feulletion auftaucht, ist bei genauerem Hinsehen kein Wunder. Der Mann hat über den Stimmungsbegriff des Nationalsozialisten und Antisemiten Heiddeger promoviert und befasst sich heute mit

transparentem Verhalten, das er als durchneoliberale Marktkräfte erzwungene kulturelle Norm interpretiert. Er befürchtet einen Druck zur freiwilligen Offenlegung intimer Details, der laut ihm an Pornografie grenzt und ein totalitäres System der Offenheit zu Lasten anderer sozialer Werte wie Scham, Vertraulichkeit und Vertrauen erzeugt.[4] (Wikipedia)

Das passt genau in Schirrmachers neo-marxistisches Konzept, nachdem das amerikanische Großkapital nicht länger an der Ausbeutung der Arbeitskraft des Menschen sondern seiner Daten mit Hilfe eines abstrakten Algorhitmus ist. Ein Algorhitmus, der so einfältig ist, mir ständig Dinge anzubieten, die ich schon gekauft habe oder etwa eine Übernachtung in Filderstadt aufnötigt, nur weil ich dort vor Wochen einmal ein Zimmer buchen musste. Fragt sich, was primitiver ist? Schirrmachers Populärmarximus oder die mathematische Formel. In jedem Fall ist der Mann eine Schande für die FAZ. So ein Artikel gehört vielleicht ins Neue Deutschland.