Mit Siggy Pop hat die Gleichgewichtstheorie Einzug in´s Wirtschaftsministerium gehalten. Deshalb redet man nun auch dem Gerede vom ungesunden deutschen Export-Überschuß das Wort. Dabei ist die so genannte “GroKo” ohnehin dabei, die durch Schröders Reformkurs gewonnenen Wettbewerbsvorteile zu vernichten und Deutschland wieder zum kranken Mann Europas zu machen. 

Die Wirtschaftswissenschaft ist heute von der Gleichgewichtstheorie beherrscht. Sie versucht die Faktoren auf beiden Seiten einer Gleichung nicht nur in der Theorie in Einklang zu bringen, sondern durch Einflußnahme auf die Volkswirtschaft. Der Keynesianismus versucht es mit der Stärkung der Nachfrage (also der einen Seite der Gleichung), die Neoklassik mit der Verbesserung der Bedingungen des Angebots. Doch dieses Streben nach einem Gleichgewicht funktioniert nur nicht, es wäre auch hochgradig gefährlich: Weil im Gleichgewicht wie bei einer Waage, bei der beide Schalen in Einklang gebracht worden sind, Stillstand herrscht. Nichts bewegt sich mehr.

Aber die Forderung nach einem aussenwirtschaftlichen Gleichgewicht ist auch in der Realität kompletter Unsinn. Zunächst einmal produzieren die Deutschen schon seit Jahrzehnten mehr als sie importieren. Und das hat einen historischen Grund. Als die deutsche Industrie nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde, gab es einen hohen Bedarf an “Erstausrüstungen” von den einfachsten Utensilien über den Kühlschrank bis zum Automobil und den Maschinen und Anlagen, mit denen diese Güter hergestellt wurden. Aber irgend wann war dieser erste Bedarf gedeckt und die Industrie musste sich neue Märkte suchen.

In den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren sorgte dieser Exportüberschuß auch dafür, dass die Arbeitseinkommen stetig steigen konnten. Um die Stückkosten konstant zu halten, mussten die Unternehmen stärker investieren und so die Produktivität steigern. Das führte aber zu höheren Kapazitäten bei gleichbleibender oder sogar sinkender Beschäftigung. Und die müssen irgendwo abgesetzt werden.

Durch die Hartz IV Reformen wurde nicht die Exportfähigkeit der deutschen Produkte verbessert.  Dafür waren zwei andere Faktoren wesentlich wichtiger: Der Euro und der Boom in Südostasien.

Der Euro führte dazu, dass die südeuropäischen Staaten die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ihrer Produkte und Unternehmen nicht länger durch eine regelmäßige Abwertung der Währung kaschieren konnten. Und so bestand in Italien kein Preisvorteil mehr für einen Fiat gegenüber einem BMW. Gleichzeitig führte die Niedrigzinzpolitik der EZB und die Tatsache, dass dieselben Länder sich preiswerter Geld leihen konnten, dazu, dass in den leistungsschwächeren Ländern des Euroraums der Sozialstaat und der Konsum des Staates stärker auf Pump finanziert wurden. So gesehen, war der EURO ein sozialistisches Projekt, weil er den Preis des Kapitals negiert.

Noch wichtiger war für Deutschlands Wirtschaft das anhaltende Wachstum Südostasiens, das insbesondere der Automobilindustrie und dem Maschinen- und Anlagenbau einen dauerhaften Boom bescherte.

Anders als vielerorten behauptet, sind nicht die Billiglöhne entscheidend für diesen Erfolg sondern wettbewerbsfähige und innovative Produkte. Und die sind bei den Franzosen und Italienern Mangelware. Außerdem haben sie sich wohl wegen ihrer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit von den Märkten Nordamerikas und Südostasiens zurück gezogen oder sind dort gar nicht erst angetreten.

Anders gesagt: Nicht der deutsche Exportüberschuß ist schädlich, sondern die entsprechenden Handelsbilanzdefizite der USA, Frankreichs und Italiens. Die müssen besser werden und nicht wir schlechter.

Und zurück zum Anfang. Wirtschaft ist kein statisches Ergebnis einer Gleichung, sondern ein dynamischer Prozess. Und der setzt auf Wettbewerb zwischen Produkten und Unternehmen. Am Ende entscheidet sich der Kunde nicht für ein Produkt aus Frankreich oder Deutschland, sondern für das, was ihm am besten gefällt.