Als Student in den Achtziger Jahren wettete ich mit dem Vater einer Freundin, der einem der großen Industrie- und Rüstungskonzerne vorstand, dass es mir nicht nur nicht gelingen würde, ihn im Büro telefonisch zu erreichen. Sondern, dass er von meinem Anruf nicht einmal erfahren würde. Der Wetteinsatz war beträchtlich. Wenn er gewonnen hätte, wäre ich eine Flasche Champagner los gewesen. Ich gewann und er lies sich das eine Kiste kosten. Aber was hat das mit dem von der Medienwelt zurück getretenen Bundespräsidenten zu tun? Eine Menge.

Der Mann ist der Prototyp des kleinbürgerlichen westdeutschen Aufsteigers, der seinen Weg über Studium, Doktortitel und Politik sucht. Die Reihen der Parlamente und die Kabinettstische sind voll von diesen Figuren, die auch gerne gleich noch über die Geschichte oder die Propoganda der eigenen Partei promoviert haben. Aus dem Dunstkreis der Hinterzimmer, in denen Listenplätze und Wahlkreise ausgekungelt werden, treten sie gleich den Weg nach dem berühmten – ursprünglich der FDP-Boygroup zugesprochenen – Dreiklang an: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal.

Wulff war ja so etwas wie ein Enkel Helmut Kohls. Der als ideale Schwiegersohn gehandelte niedersächsische CDU-Spitzenkandidat hatte zunächst zweimal das Nachsehen gegen den Ministerpräsidenten Gerhard Schröder. Erst dessen Nach-Nachfolger Siegmar Gabriel konnte er in die Wüste schicken – ein Mann, dessen Sozialisation der seinen nicht so unähnlich ist.

Seither lebt Wulff – wie mein wegen der RAF personengeschützter Vorstandsvorsitzender – ein Leben hinter Panzerglas. Als Bundespräsident a.D. übrigens wohl lebenslang. Dieses Glas ist dick. Es lässt keine Geräusche nach innen. Neben dem eigenen Fahrer sind zwei Beamte des LKAs dem Mann immer im Nacken. Wo er hinkommt, wird er erwartet und bevorzugt behandelt. Wo seine gepanzerte Limousine hält, ist der rote Teppich schon ausgerollt und die Honoratioren stehen Schlange, um die Hände des MPs zu schütteln. Wer so früh ins Amt kommt und so lange bleibt, der kommt eben zwangsläufig auf die Idee, dass die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Person und nicht dem Amt gilt. Dabei ist es umgekehrt. Die Hofschranzen sonnen sich im Glanz der Macht. Auch wenn die so bieder daher kommt, wie bei Christian Wulff.

Für die Betroffenen führt das zu einer furchtbaren Persönlichkeitsdeformation. Umgeben von einem Stab von ebenfalls polit-karriere-geilen Referenten, Büroleitern und Pressesprechern gibt es kaum jemand, der offen den Widerspruch wagt. Die 80-Stunden-Woche führt zu einer sukzessiven Entfremdung mit dem bisherigen persönlichem Umfeld,  die persönlichen Freunde wenden sich ab oder entfremden sich. Der Mächtige wird einsam und jeder, der ihm den Wagenschlag öffnet, suggeriert nur eine fiktive Nähe.

Bei Wulff mag auch die zweite Frau eine Rolle gespielt haben, deren glamouröser Traum ein spießiges Einfamilienhaus in Großburgwedel war. So geschmacklos kann eine Midlife-Crisis ausarten. Die von niedersächsischen Regionalpolitikern mir selbst berichtete Nähe zum ältesten Gewerbe spielt da keine Rolle.

Der zum Ministepräsidenten mutierte Kleinbürger Wulff hatte trotz der dominahaften Erscheinung seiner Gattin aber offensichtlich einen Minderwertigkeitskomplex – vielleicht hat er sie sich auch deshalb ausesucht. Und wie sein Vor-Vor-Vor-Gänger Gerhard Schröder im Amt des Ministerpräsidenten hatte er ein veritables finanzielles Problem, das auch durch die Scheidung von der Erstfrau entstanden war.

Aber auch sonst scheinen wir unseren Landesvätern so wenig zu bezahlen, dass die Reihenhausbesitzer nicht so recht materiell mit den Kreisen mithalten können, in denen sie sich nun bevorzugt bewegen. Und das ist schon lange so.

Der Bayer Franz-Josef Strauß löste das Problem in General-Motors-Manier: Was gut ist für die Familie Strauss, ist gut für das Land Bayern und umgekehrt. Die Antwort der Sozialdemokraten war öffentlich-rechtlich: Der Rote Pate von Düsseldorf, Friedel Neuber, sorgte etwa für standesgemässe Privatflieger für Bruder Johannes Rau und seine Corona und las ihnen auch sonst fast alle Wünsche von den Lippen ab. Der Selfmade-Man Lothar Späth (Baden-Württemberg) lies sich wie Wulff oder Sarkozy gerne zu “Gratis”-Urlauben einladen. Als er kurz vor der Wende Helmut Kohl stürzen wollte, drehte der dem daraus einen Strick.

Wulff ist also kein Einzelfall, sondern ein ziemlich typisches Beispiel für die herrschende Klasse. Und ein Opfer des Panzer-Syndroms.

Der nun bekannt gewordene Anruf bei der Blöd-Zeitung war auch nicht mehr als ein Symptom dieser Selbstüberschätzung in Folge des vollständigen Realitätsverlustes.

Der Film von Nico Hofmann auf SAT1 hat sehr plastisch dargestellt, wie die Küchenkabinette der Vertrauten sich hin und her winden. Dabei geht es längst nicht mehr um Ideale, um Inhalte oder Ideen. Sondern nur um die Frage, wie man die entsprechende Person in ein Amt bekommt und dann dort hält. Diesem Selbstzweck ordnet sich alles unter und das wird mit dem Begriff “Sachzwänge” nur unzureichend kaschiert. Die Causa Wulff belegt: Es geht um die blanke Macht: Nicht mehr und nicht weniger.

Und was lernen wir daraus? Wulff mutiert vom Berufschwiegersohn zur tragischen Figur. Im besten Mannesalter kann der bisherige Grüßaugust der Bundesrepublik sich in vergleichbarer Funktion in der Industrie verdingen. Das wird wenigstens Geld in die Kasse spülen und seiner noch nicht ganz Ex-Frau ein Auskommen sichern – out of Großburgwedel.

Wir brauchen Politiker, die unabhängig sind vom Geplänkel der Parteien und auch eine Karriere ausserhalb des Establishments machen können. Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit, wie sie etwa das Anden-Pakt-Mitglied Roland Koch beweist, nachdem Angie ihm den Weg in´s Kanzleramt verbaut hatte, sind das Beste, was uns als Bürger passieren könnte.

Schuld an der Einfältigkeit und Beliebigkeit des politischen Personals sind aber nicht die einzelnen Figuren. Sondern das System. Einerseits verdienen unsere Politiker zu wenig, weil der berühmte Studienrat als MdB sein Einkommen veritabel verbessern kann. Andererseits verdienen sie zuviel, weil kaum einer, der sein Auskommen in der freien Wirtschaft erzielen kann. Teilzeitparlamente wären eine Lösung, wo es zum guten Ton gehört, nicht von seinem Staatsamt abhängig zu sein. Ein wesentlich schwerwiegender Grund ist die Macht der Parteien, die über das Machtinstrument der Landesliste jeden Individualisten in die Schranken weisen. Das Bekannteste Opfer ist der Politiker Oswald Metzger, dessen unbequemer Geist erst den Grünen und dann der CDU zuviel war. Dass Köpfe wie der direkt gewählte Wolfgang Bosbach sich über ein Direktmandat mit Donnerhall unabhängig vom Geschacher der Bezirksfürsten machen, ist die absolute Ausnahme.

Wulff kriegt lebenslang nicht nur seinen Ehrensold. Sondern eben auch das Panzerglas der Dienstlimousine. Vielleicht überwindet er es, wenn er mal wieder seinen Sohn vom Kindergarten abholt. Das grundlegende Problem lösen wir aber so nicht.

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