Schnappatmung bei den Qualitätsjournalisten, Kritik von den grünen Wannabeliberalen und Sigmar Gabriel macht plötzlich einen auf Ludwig Erhard: Joachim Gauck hat mit seinem Plädoyer für ein bisschen weniger Staat und einen Hauch mehr Markt Unruhe bei den herrschenden Klassen ausgelöst. Wie kommt’s?

Das Skandalon der Gaukschen Freiheitsrede lässt sich darauf zurückführen, dass er zwei liberale Kerngedanken ausgeführt hat die banal wirken, aber große Sprengkraft für den real existierenden Etatismus in sich tragen:

Erstens: Nachhaltigen Wohlstand für alle gibt es nur durch Marktwirtschaft. Wir verdanken es dem viel geschmähten Kapitalismus, dass wir heute über die Verfettung der Unterschicht schimpfen können, anstatt ihren Hungertod zu beklagen. Der Aufstieg Westdeutschlands vom Bombenkrater zum Exportweltmeister ist nur eine von vielen Erfolgsgeschichten der Marktwirtschaft. Obwohl vermutlich kaum ein Entwicklungsökonom die Segnungen des Marktes bestreiten würde gelingt es dem etatistisch gesinnten Mainstream in Politik und Presse den Blick auf angebliche „Fehler“ der Märkte zu lenken, die von Bürokraten mit Milliarden von Steuerngeldern kompensiert werden müssten. So rechtfertigt der modernen Wohlfahrtstaat schließlich den überwiegenden Teil seiner umfassenden Aufgaben. Das funktioniert im Kleinklein des alltäglichen Politdiskurses ganz gut. Wenn dann plötzlich einer fragt, warum der effizienteste Mechanismus zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse von der Politik eigentlich dauernd mit viel Aufwand reguliert werden müsse,  wird die Luft für die Planwirtschaftler sämtlicher Parteien allerdings schnell dünn.

Der zweite wunde Punkt den der Bundespräsident präzise erwischte ist das antitotalitäre Potential einer minimalstaatlichen Verfassung. Auch das ist simpel: Wenn ein Großteil der gesellschaftlichen Sphäre staatlicher Regulierung entzogen ist, weil dieser sich darauf beschränkt Leben und Eigentum seiner Bürger zu schützen, ist die Gefahr totalitärer Entartungen gering. Umgekehrt heißt dies aber auch: Weil der Staat heute vom Umgang mit dem Hausmüll bis zur Zusammensetzung von Unternehmensvorständen alles präzise regelt, und der Bürger zudem noch von der Schule bis zur Rentenverischerung in staatliche Institutionen gezwungen wird, stellt er eine Bedrohung der individuellen Freiheit dar. Auch gut gemeinter Kollektivismus ist eben Kollektivismus und Kollektivismus ist nun einmal ein entscheidendes Merkmal totalitärer Systeme.

Freiheit ist bekanntlich das Recht, den Menschen zu sagen was sie nicht hören wollen. Joachim Gauck steht mir seiner Rede somit in guter freiheitlicher Tradition.