Sascha Tamm hielt am Dienstag im Berliner Hayek-Club einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema “Solidarität” aus liberalem Blickwinkel. Das rief bei mir die Frage auf, ob nicht Solidarität und Spekulation zwei Seiten einer Medaille sind. Und das kam so: 

In der Solidargemeinschaft können viele nur dann für wenige eintreten, wenn der Schadensfall nicht für alle gleichzeitig eintrifft. Und der Spekulant übernimmt Risiken von Dritten und verdient daran, dass nicht alle eintreten sondern im Gegenteil sich statt eines möglichen Verlusts auch ein vielleicht unwahrscheinlicher Gewinn eintritt.  Insbesondere die in Verruf geratenen “Hedge-Fonds” verdienen ihr Geld damit, Risiken zu übernehmen. “to hedge” heißt zu deutsch nichts anderes als “absichern”.  Die Unternehmen zahlen für Kalkulierbarkeit: Die Automobil-Unternehmen sichern sich gegen Währungsschwankungen ab, die Fluggesellschaften gegen Schwankungen des Kerosinpreises und der äthiopische Bauer kann dank einer Warenterminbörse seine Ernte bereits verkaufen, bevor er überhaupt etwas anbaut.  So weiß er, was er am Ende für seine Ernte bekommt oder hat bereits einen Teil des Kaufpreises erzielt, mit dem er etwas den Samen kaufen kann.

Steigt der Preis, hat der Spekulant ein Geschäft gemacht. Sinkt der, zahlt er drauf. Das gleiche gilt analog auch für die Währung, die Aktie oder auch den Rohstoff. Spekulation ist also nichts anderes als Risiken auf verschiedene Schultern zu verteilen.

Auch der Sozialstaat gibt vor, Risiken auf verschiedene Schultern zu verteilen und stellt so die gesellschaftliche Solidarität in den Mittelpunkt. Er überhöht aber gleichzeitig ihre Funktion. Für die Übernahme des Risikos muß der Bürger aber genauso zahlen wie die Lufthansa an denjenigen, der den Kerosin-Preis absichert. Nur ist die Spekulation freiwillig, die Solidarität erzwungen.

Im Sozialstaat nennt man das Gebühren, Beiträge oder Steuern. Aber es ist nichts anderes als ein Preis für die Risiko-Übernahme.  Aber so wie Hayek i.B.  von der perversen Elastizität des Kreditangebotes spricht, handelt es sich umgekehrt um die perverse Starrheit des Preises für die Solidarität. Denn die “Solidargemeinschaft” muss das Risiko tragen unabhängig davon,  wie hoch es für den Einzelnen ist und ob er sogar versucht, es durch sein Verhalten zu vermeiden oder zu reduzieren.

Anders herum: Wer das Risiko mindert oder vermeidet, hat nichts davon. Sein Beitrag bleibt gleich hoch. Wer das Risiko eingeht oder durch sein persönliches Verhalten erhöht, zahlt den gleichen Preis. Ist das solidarisch?

Nun wird eingewendet werden, dass dieser Preis ja einkommensabhängig variiert. Entscheidend ist aber, dass das Verhalten des “Versicherten” auf diesen Preis keinen Einfluß hat.

Das ist in etwa so, als ob die Kfz-Versicherung keine Risiko-Klassen hätte. Solidarisch müssten die Rentner mit untermotisiererten Gebrauchtwagen für die Porsche- und Ferrari-Fahrer genauso solidarisch zahlen wie für die Jugendlichen aus Bayern oder Brandenburg aus Bayern oder Brandenburg, von denen allzuviele allzufrüh an Allee-Bäumen zerschellen.

Gänzlich grotesk wird es bei der Rentenversicherung. Denn dieses vermeintliche “Risiko “trifft glücklicherweise fast jeden- Alter ist aber kein Risiko sondern ein Aggregat-Zustand. Es wird nur zum Risiko, weil die umlagefinanzierte Rentenversicherung nur bei stetem Bevölkerungswachstum und nicht zu stark steigender Lebenserwartung funktioniert.

Und deshalb auch nicht per Solidargemeinschaft abzusichern. Dass die Euro-Rettung  auf dem Rücken der Sparer ausgetragen wird, hat nicht nur mit der Not der Stunde zu tun. Sondern damit, dass alle repräsentativen Demokratien seit Jahrzehnten mehr Geld ausgeben als sie einnehmen und mittlerweile Zweifel aufkommen, ob sie die Zinslast tragen können. Die vermeintliche Solidarität der Gegenwart wird von den zukünftigen Generationen und dem Volksvermögen finanziert. Dabei gehen sie eine Symbiose mit der Finanzwirtschaft ein, die ebenfalls billiges Geld bekommt. So rechnen sich alle Arten von “Investitionen”, die bei höheren Zinsen zu teuer erkauft wären. Enteignet werden schleichend alle anderen.

So stellt sich die Frage nach Spekulation und Solidarität erneut. Spekulation ist solidarisch. Wie der Sozialstaat hat sie ihren Preis. Der ist es aber nicht.