Henryk M. Broder hat vor einiger Zeit geschrieben, daß er in der Bahn erster Klasse fährt, weil er so die Süddeutsche Zeitung lesen könne, ohne dafür zu bezahlen. (Das Problem der Free-Lunch-Illusion ignorieren wir hier geflissentlich.) Auf ähnliche Weise fiel mir kürzlich eine Ausgabe des evangelischen Magazins chrismon in die Hände, allerdings ohne jede entsprechende Intention. Aus Langeweileblätterte ich ein bißchen darin herum. Hängen geblieben bin ich schließlich auf einer der letzten Seiten bei den Leserbriefen. „Gegen das Völkerrecht“ rief mir eine fettgedruckte Überschrift in der Blattmitte entgegen. Der Leserbrief bezog sich auf einen Artikel der vorigen Ausgabe, „Die israelische Siedlerin und ich – eine Netzfreundschaft“. Aus Neugier habe ich mir den Artikel später herausgesucht und gelesen, daß es um Online-Hebräischunterricht geht. Die Siedlerin ist die Lehrerin, die Autorin die Schülerin. So einfach. Auf Grund des Leserbriefes hätte ich einen solchen Inhalt aber nicht vermutet. Denn ein Pfarrer namens Hermann Kuntz nahm den Hebräischunterricht zum Anlaß, folgendes zu schreiben:

„Der Artikel ist makaber: Jede Unterstützung der völkerrechtswidrigen Siedlungen im seit 46 Jahren besetzten Palästinensergebiet verlängert die Unterdrückung der Palästinenser und arbeitet gegen den Frieden.“

Der Leserbrief erschien in der Dezemberausgabe. Und irgendwie irritiert es mich, daß Pfarrer Kuntz die Weihnachtsbotschaft seiner eigenen Kirche nicht versteht.