Für retroaktiven Antifaschismus ist es nie zu spät, das wissen auch die Münchner Grünen. Deswegen verhüllte man jüngst unter großem Trara ein Denkmal, das den „Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration“ gewidmet ist. Die Hauptstadt der Bewegung a.D. wurde den Stadtarchiven zu Folge in erster Linie von zwangsverpflichteten Regimetreuen entrümpelt, denen amerikanische Soldaten zum Zeichen tätiger Reue den Spaten in die Hand gedrückt hatten. Die Trümmerfrauen waren also eigentlich Trümmermänner beziehungsweise Trümmernazis. Die Grünen wittern „Geschichtsklitterung“ und fordern „den richtigen ein Denkmal, nicht den Altnazis“. Nie wieder Faschismus, nie wieder Trümmermännerinnen!

Genau besehen könnte der Wunsch nach einem Denkmal nur für „die Richtigen“ allerdings schwierig werden. Schließlich war Widerstand gegen das Naziregime während der kürzesten tausend Jahre aller Zeiten nicht gerade Volkssport in Deutschland. Konstruktive Vorschläge stehen momentan aber ohnehin nicht zur Debatte. Tausende Trümmerfrauenfans aus ganz Deutschland shitstormen auf Facebook für Oma und gegen die Grünen. Erwartungsgemäß versuchen rechte Zeitgenossen auf der Welle mit zureiten, was noch erwartungsgemäßer dazu führt, dass die Trümmerfrauendooffinder jeden Kritiker pauschal als rechtsextrem „enttarnen“. Goodwin’s Law und Obsessive Nazi Disorder bestimmen diesen sehr deutschen Diskurs und natürlich will jeder jeden wegen Beleidigung, Volksverhetzung und übler Nachrede verklagen.

Die Diagnose Geschichtsklitterung passt trotzdem, wenn auch anders. So nennt die Rechtspostille Blaue Narzisse die Initiatorin der Verhüllungsaktion eine „Wohlstandsfrau“, die von einer Art Trümmerneid auf „die Größe der Aufbaugeneration“ getrieben wäre „deren Fleiß und Überlebenswille“ das Wirtschaftswunder geschaffen habe. Die Rheinische Post ruft den Grünen hinterher, dass sie es „ausschließlich dem Überlebens- und Aufbauwillen der heute zwischen 80 und 100 Jahre alten Trümmerfrauen“ verdanken, dass ihre Sorgen darauf beschränkt sind, „ob die laktosefreie Milch im Latte macchiato von glücklichen Kühen stammt“. Diese Verklärung des Wirtschaftswunders zum Produkt guten deutschen Schweißes ist allerdings schlicht Unfug. Wohlstand wird nicht durch Fleiß, sondern durch Marktwirtschaft ermöglicht. Die Aufbaugeneration in der SBZ war nicht fauler als ihr westdeutsches Pendant, trotzdem gehörte Mangelwirtschaft immer zur DDR, da konnten die „Aktivistinnen der ersten Stunde“ und die Helden der Arbeit schuften wie sie wollten. Marktwirtschaft aber benötigt keine Heroen. Ganz normale Menschen, die an ihrem eigenen Fortkommen interessiert sind tun es auch.

Eigentlich wollten viele Deutsche nach dem Krieg gar keine freie Wirtschaft, hatten sie doch im Nationalsozialismus verinnerlicht, dass es sich dabei um eine dezidiert unarische Erfindung raffgieriger Juden handele. Diesseits wie jenseits der Elbe wünschte man sich immer noch Sozialismus, nur diesmal bitte ohne national. Zum Glück setzte sich in den drei Westsektoren der überzeugte Liberale Ludwig Erhard mit tatkräftiger Hilfe der Amerikaner gegen die zahlenmäßig überlegenen Antikapitalisten durch. Unser Wohlstand gründet nicht auf dem Triumph des deutschen Aufbauwillens, sondern auf Erhards kluger – oder wie man heute sagen würde „marktradikaler“ – Politik. Leider weiß das kaum jemand zu schätzen. Kritik an Konsumgesellschaft, Konzernen und Profitgier sind ebenso wie der Ruf nach Staat und Planwirtschaft bei Deutschen jeglicher Couleur en vogue. Wenn es gegen den Kapitalismus geht marschieren Rechte und Linke wie gehabt Seit an Seit. Deswegen gehören Denkmäler für die Marktwirtschaft in Deutschland nicht zum Stadtbild, obwohl wir ohne sie immer noch in Trümmern hausen würden.