In all die betroffenen und besorgten Reaktionen, die das Verschwinden von Hamed Abdel Samad auslöste, mischten sich, wie könnte es bei einem Islamkritiker anders sein, hämische Töne aus der Ecke der linken Diskursherrenmenschen. Man insinuierte, dass es da ein Provokateur, der überdies zweifelhaften Umgang pflege, etwas übertrieben habe mit der freien Meinungsäußerung. Besonders toll trieb es wieder einmal das Neue Süddeutschland, wo der nachdenklichen Schriftsteller in die Nähe fanatischer Extremisten gerückt wurde.

So viel Niveaulosigkeit erschreckt, doch erstaunen kann sie regelmäßige Leser des linksbürgerlichen Feuilletons nicht. Die Kulturrelativisten von SPONSZEITTAZ hatten sich immer schon daran gerieben, dass der Sohn eines Imams sich von ihnen, den Experten in den warmen deutschen Schreibstuben, nicht erklären lassen wollte, wie es sich denn nun mit dem Islam und seinen politischen Spielarten verhalte. Man hat in diesen Kreisen nichts gegen Migranten, aber wenn einer seinen Platz am Falafelstand nicht kennt, sondern sich als Forscher, Bestsellerautor und Journalist eine eigene, von der offiziellen Lesart abweichende Meinung zu seinen ureigenen Problemen leistet, dann wird man schon mal ungehalten.

Überdies hat Abdel Samad getan, was unsere Prantls und Augsteins gerne für sich in Anspruch nehmen, aber niemals wagen würden: Die eigene, eng gesteckte Wohlfühlzone verlassen, absolut gesetzte Gewissheiten in Frage stellen, sich radikal emanzipieren und unter Lebensgefahr für die Freiheit eintreten. Da kann man sich noch so oft gegenseitig das Etikett „Kritischer Geist“ für Artikel gegen Atomkraft oder den Neoliberalismus ans Revers heften, wenn einer vom Kaliber Abdel Samads auftaucht wirken diese gratismutigen Möchtegern-Querdenker nur noch lächerlicher, als sie es ohnehin schon sind.

Die schmerzhafte Konversion vom Glauben zum Wissen schilderte Abdel Samad in seinem Buch „Abschied vom Himmel“. Die politisch korrekten Unkulturbeauftragten in den redaktionellen Elfenbeintürmen mag er damit verärgert haben, aber viele Menschen in Deutschland schätzen seine klugen und ehrlichen Analysen. Fast 30.000 Menschen haben innerhalb von drei Tagen eine Petition zu seiner Freilassung unterzeichnet. Das ist mehr Wert als der Beifall der blasierten Feuilletonburgeoise.