Nun wird ihm auch noch der Prozeß gemacht. Wegen nicht einmal 1000 Euro und einem Brief an den Siemens-Konzern, der nicht mal erfolgreich war und in dem er dafür warb, dass der private Konzern einen Film über einen Siemens-Mann in China mit finanziert. Das ist nach einem fast jahrelangen Ermittlungsverfahren übrig geblieben. Und doch ist die Affäre ein Sittengemälde über die Spießigkeit der Republik. 

Christian Wulff reüssierte als der perfekte Schwiegersohn, der nette junge Mann von Nebenan und als der Mann, der seine todkranke Frau pflegte. Er stammte noch aus einer katholisch geprägten CDU, wo die Dinge in Ordnung waren und man sein Herz am rechten Fleck hatte.

Als er Ministerpräsident wurde, weichte sich die Prinzipientreue langsam auf. Hinter den Panzerglasscheiben seiner Limousine, bei den Kaminabenden der Ministerpräsidenten und in den Präsidiumssitzungen schwand der Alltag aus dem Leben und auch das private Umfeld muss an Spannkraft verloren haben.

Er verließ seine Frau für eine Blondine, der eine Rotlicht-Vergangenheit nachgesagt wurde und die wollte mehr als “nur” die Frau eines Ministerpräsidenten sein. Das Erschreckende ist die Gewöhnlichkeit des Klinker-Baus, der zum Stein des Anstosses wurde. So wenig Geschmack war selten an der Spitze unseres Staates. Trotzdem verlor der Mann den Maßstab.

Wenn ein Ministerpräsident den Raum betritt, drehen sich alle Köpfe nach i h m um. Sein Wort zählt und in der Regel schmeichelt die Aufmerksamkeit dem Mächtigen. Wulff hat wohl irgendwann aufgehört, zu bemerken, dass diese Schleimerei nicht ihm persönlich sondern seinem Amt gilt. Und damit begann sein Abstieg.

Dass er aus Parteiproporz auf den Posten des Bundespräsidenten gespült wurde, war sein Unglück. Denn schnell wurde offenbar, dass eine Lücke zwischen seinem fehlenden Format und dem Anspruch des unglücklichen Amtes nicht zu überbrücken ist, das nur von der Autorität, Rhetorik und Präsenz seines Inhabers lebt.

Wulffs Persönlichkeit steht für eine ganze Kaste von Politikern, die scheinbar um eine Sache kämpfen. Irgendwann ersetzt aber das Interesse am persönlichen Fortkommen die Politik vollständig. Das System spült die Persönlichkeiten weich und nimmt ihnen ihre Prinzipien. Und der Bürger wendet sich angewidert ab.