Die wöchentliche Kolumne des Spiegel-Eigners Jakob Augstein ist stets ein Quell der Freude. Bestätigt sie doch immer alle Vorurteile, die man gegen den linken Schnösel reicher Eltern haben kann, der seine Karriere nur dem verdankt, was er Anderen nicht gönnt: seinem Reichtum. Dass er den enteignenden Spitzensteuersatz, den er anderen aufoktroieren will, nicht fürchten muss, liegt an einem geschickten Steuersparmodell, das dem, was der gemeine Zahnarzt so treibt, an Perfidität weit überlegen ist: Der wahre Sohn von Schlußstrich-Walser finanziert damit die linke, antisemitische Klassenkampf-Postille “Freitag”: Nun schwingt er reichweitenwirksam bei SPON gegen die Kanzlerin die Moralkeule, in dem er sie der Korruption bezichtigt, weil sie eine Spende der BMW-Eigner-Familie Quandt einheimst, nachdem sie sich für die Interessen der deutschen Automobil-Industrie eingesetzt hat. Augsteins dümmlich-säuerlicher Moralismus offenbart aber vor allem eins: Dass er mal wieder von dem, worüber er polemisiert keine Ahnung hat. 

1. Tatsächlich  betreiben Frankreich und Italien über den Umweg des CO²-Fetischs Protektionismus. Denn ihre notleidende Automobilindustrie produziert mehrheitlich renditeschwache Kleinwagen, die selbst auf dem europäischen Heimatmarkt mit den besseren Japanern und Koreanern weitgehend erfolglos konkurrieren.  Aber je kleiner ein Auto ist, desto weniger Gewinn spült es in die Kasse und desto weniger CO² produziert es.

2. Die deutsche Autoindustrie unternimmt derzeit allerlei ingeniöse Kopfstände, um ihre Performance einseitig auf ein einziges Kriterium zu optimieren: Den CO²-Ausstoss. Deshalb gibt es plötzlich allerlei Elektro- und Hybridantriebe und immer kleinere aufgeblasene Motoren, die sich von den Aggregaten der europäischen und japanischen Konkurrenz in Laufruhe, Leistung und Effizienz mitnichten unterscheiden. Schon so wirkt der Protektionismus unserer europäischen Freunde.

3. In der Deutschen Automobil-Industrie gibt es rund 750.000 Beschäftigte, die bei ca 600 Herstellern und Zulieferern arbeiten. Die umsatzstärkste Industrie in Deutschland setzt ca. 350 Mrd. € um. Nachdem BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen als deutsche Konzerne Milliarden-Gewinne machen, entstehen durch ihre Wirtschaftstätigkeit Steuereinnahmen im dreistelligen Milliardenbereich. Denn nicht nur die Unternehmen zahlen Unternehmens- und Gewerbesteuern. Ihre Mitarbeiter zahlen Einkommenssteuer und Sozialabgaben, für ihren täglichen Bedarf werden 19% Umsatzsteuer fällig, die übrigens auch auf die inländischen Autoverkäufe an Privatpersonen fällig wird. Dass eine deutsche Bundeskanzlerin sich für die Interessen dieser Industrie nicht einsetzt, wäre wohl tatsächlich eine Verletzung des Amtseids.

4. Angela Merkel dient nicht nur den Interessen der bösen Kapitalisten sondern insbesondere denen des Landes Niedersachsen, das 20% des größten Automobilkonzerns hält und die Dividende im Landesaushalt gut verbuchen kann. Der Ministerpräsident ist sozusagen geborenes Mitglied des Aufsichtsrates und über das VW-Gesetz besitzt man eine Sperrminorität des Konzerns, der alleine rund die Hälfte des Umsatzes der ganzen Branche ausmacht. Auch an abgewählte Würdenträger denkt der Konzern, der Marken von Audi über Bentley, Bugatti, Lamborghini, Porsche bis hin zu Volkswagen vereint. Die Karriere des heutigen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel förderte der VW-Konzern nach seiner Abwahl als Ministerpräsident mit 130.000 Euro über einen Beratervertrag. Übrigens haben das Land Niedersachsen und die Arbeitnehmerseite gemeinsam die Mehrheit im Aufsichtsrat. Vielleicht ein Grund, warum die Löhne in Wolfsburg höher sind als in Ingolstadt.

Augsteins Kolumne ist ein absoluter Tiefpunkt seines publizistischen Schaffens. Wahlweise zeichnet sie sich durch vollständige Unkenntnis und/oder totale Ingnornz aus. Das wird schon an der Bemerkung deutlich, Merkels Einsatz in Brüssel habe sie entsozialdemokratisiert, weil sie wieder der Industrie beigesprungen sei.

Dabei ist “Industriepolitik” ehernes sozialdemokratisches Gesetz. Augsteins historische Kenntnis reicht nicht einmal zurück bis in die Jahre 1998-2005. In jener Zeit regierte bekanntlich der ehemalige VW-Aufsichtsratschef Gerhard Schröder, der auch als Autokanzler tituliert wurde und von industriellen Champions schwafelte, die mit Hilfe staatlicher Industriepolitik gefördert werden sollten. Aber nach Augsteins Farbenlehre war das wahrscheinlich auch kein Sozi.