Das Automobil ist ein Synonym für Freiheit. Mit ihm kann man jederzeit überall hin fahren. Einige Exemplare benötigen dafür nicht einmal eine Strasse. Es ist eine persönliche Unabhängigkeitserklärung. Wer sich nicht an den Fahrplan des öffentlichen Nahverkehrs ketten will, ist den Linken suspekt. Wenigstens seine Geschwindigkeit soll kontrolliert werden. Neben der Hoffnung auf die schnellere Armotisierung des Blitzgerätes (das Personal wird ja eh bezahlt) wird die freie Fahrt des freien Fahrers so wenigstens limitiert. Durch die Einführung der zweckfreien “Umweltzonen” hatte man bereits ausreichend automobiles Eigentum entwertet und viele alte Autos gerade weniger wohlhabender Besitzer ausgesperrt

Bis in die Achtziger Jahre war das Automobil individuelles Statussymbol. Die Biologielehrer, die mit ihrem R4 aus Energiespargründen mit abgestelltem Motor auf den Schulparkplatz rollten, befanden sich mit ihrem “Atomkraft Nein Danke” Aufkleber auf der Heckklappe in der gesellschaftlichen Minderheit.

Aber es war ausgerechnet ein CSU-Minister, der die Skepsis ins bürgerliche Lager trug. Friedrich Zimmermann, Innenminister forderte wegen des Waldsterbens die Einführung der Katalysator-Technik. Dabei war der Umweltschutz in Wahrheit nur ein Vorwand, damit eine vermeintlich marktwirtschaftlich verortete Regierung die Anschaffung neuer Autos über eine niedrigere KfZ-Steuer subventionieren konnte. Doch die Langzeitwirkung war verheerend. Die Einführung von schärferen Emissionsgesetzen blieb ohne Effekt. “Le Waldsterben”, wie die Franzosen sagen, blieb auch so aus. Aber pünktlich zur Bundestagswahl 1987 zog die Konjunktur an.

Das Auto hatte seinen Ruf als Umweltsünder Nummer 1 weg. Und so befand sich der Gutmensch in einem Dilemma. Wer auf der Autobahn aufs Gas drückt, kommt zwar schneller vorwärts. Mit jeder Explosion in einem seiner vier, sechs oder acht Zylinder gefährdet er aber das Überleben seiner Kinder und Kindeskinder. Dass selbst Siggy Pop unlängst von Journalisten mit 180 km/H auf der Autobahn erwischt wurde, war weniger überraschend. Der Mann, der als Minister einer großen Koalition wohl bald wieder weitere Strecken mit der Flugbereitschaft des Bundesverkehrsministeriums zurücklegt, rechtfertigte sich damit, seinen Fahrer habe er angewiesen nicht schneller zu fahren als 120 km/h. Wie gut, wenn sich das Schwergewicht wenigstens auf der Autobahn ausbremsen würde.

Der Autofahrer entzieht sich der staatlichen Kontrolle. Dafür soll er wenigstens zahlen. Anders als behauptet, sind die Einnahmen aus der Kfz-Steuer weitaus höher wie die Ausgaben für Strassen und Autobahnen von Bund, Ländern und Kommunen. Trotzdem müssen die Eigentümer in den Innenstädten nochmal für die Benutzung der Strassen bezahlen. Im Beamtendeutsch heißt das “Parkraumbewirtschaftung”. Anwohner zahlen für eine Plakette, mit der sie in der Nähe ihrer Wohnung parken dürfen. Alle anderen müssen einen Parkschein lösen. Und zahlen für die Nutzung der öffentlichen Strasse einfach zum zweiten Mal.

Ein drittes Mal wird der Automobilist an der Zapfsäule zur Kasse gebeten, wo die Mineralölsteuer rund die Hälfte des Benzinpreises ausmacht. Damit der Fernverkehr nicht allzu sehr darunter leidet, darf der Diesel nicht zu viel kosten, auch wenn die Spediteur den Sprit von der Steuer absetzen kann. LKWs dürfen dafür auch noch Maut für die Benutzung von Autobahnen bezahlen. Das milliardenschwere Fiasko bei der Einführung ist vergessen, auch wenn hier natürlich hauptsächlich die ausländischen Trucks gemeint sind, die so große Tanks haben, dass sie den teuren deutschen Sprit nicht tanken müssen.

Ein weiteres Phänomen machen sich die Kommunen nicht nur während des “Blitzmarathons” zu nutze: Starre Tempolimits, die zu Zeiten eingeführt wurden, als Autos noch unsichere Heckschleudern waren oder mit Frontantrieb unkontrollierbar über die Vorderräder schoben, sind vollständig überholt. Die modernen Fahrwerke und elektronischen Helferlein ermöglichen ganz andere Geschwindigkeiten und würden eine differenzierte Erhöhung der Speedlimits problemlos erlauben. Das hätte auch keinen Einfluß auf die beständig sinkenden Unfall-Opfer-Zahlen.

Hinter dem Terminus Technicus “unangepasste Geschwindigkeit” verbirgt sich nämlich allzu oft nicht das Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, sondern zu schnelles Fahren bei widrigen Witterungsbedingungen wie Nebel, Regen oder Schnee, bei denen man tunlichst weit unter dem Speed-Limit bleiben muss, um nicht ins Rutschen zu kommen.

Für Länder und Kommunen sind die Speed-Limits ein einträgliches Geschäft.  In Berlin sieht man die bunten VW-Caddys mit der modernen “LIDAR” Laser-Technik am liebsten auf den großen, breiten und schnurgeraden Ausfallstrassen, wo mehrere Spuren dazu animieren, die Höchstgeschwindigkeit zu maximieren. In Berlin-Charlottenburg konnte man eine wahre Radar-Falle installieren, in dem man auf der Rückseite einer Grundschule, die von einem extrem breiten Bürgersteig und parkenden Autos vom fahrenden Verkehr getrennt wurde, Tempo 30 gleich von 07.00 – 20.00 Uhr installierte. Da bekommt der Begriff Ganztagsschule doch eine ganz andere Bedeutung. Während ich diese Stelle am Spandauer Damm auf dem Weg zu Ikea oder zum Flughafen schon hunderte Mal passierte, habe ich jedes zweite, dritte Mal einen Radarwagen des nur zwei Kilometer entfernten Polizeipräsidiums entdecken können. Kinder habe ich dagegen dort noch nie gesehen. Der Haupteingang der Schule liegt ja auch auf der zum Wohngebiet gelegenen Seite.

 

Wie wirksam solche hochmodernen Anlagen sind, die gleich digitale Fotos machen und gott sei Dank noch nicht per UMTS mit der Bußgeldstelle verbunden sind, zeigt die Stadt Bielefeld. Sie installierte an einer harmlosen Autobahnkurve, die mit 80 km/h eine solche Anlage und freut sich über zusätzliche 6 Millionen Euro pro Jahr für den Stadtsäckel.

Niemand fragt sich derweil, ob es nicht besser wäre, das Limit herauf zu setzen, nachdem so viele Autofahrer die vermeintliche Gefahrenstelle mit höherer Geschwindigkeit unfallfrei passieren – mit Fotobeweis. Doch dann wäre der Umweltsünder Autofahrer ja nicht einmal mehr als Einnahmequelle zu gebrauchen.

Nicht unerwähnt sollte übrigens bleiben, dass wir und unsere Autoindustrie vom legendären Ruf der Limit-freien Autobahn profitieren.  Unsere Premium-Marken haben deshalb in USA und Südostasien einen Ruf wie Donnerhall, weil man dort meint, wir würden im Zweifel mit 200 km/h zur Arbeit düsen. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen, statt in der EU über den Umweg der leidvollen CO²-Emmissionen zuzulassen, dass die erfolglose Autoindustrie aus Italien oder Frankreich versucht, den Erfolg der deutschen zu schmälern. Das nennt man dann Industriepolitik.