Der Bildblog gehört zu den eigenartigeren Selbstbespiegelungsseiten der Medienlandschaft. Bloggende Qualitätsjournalisten echauffieren sich dort seit Jahr und Tag über Deutschlands auflagenstärkste Zeitung und ein Haufen treuer Leser, meist aus bionadeburgeoisen Kreisen, teilt und twittert die immer gleichen boulevardkritischen Philippiken als gäbe es kein Morgen. Der seltsame Bildzeitungsreflex gutbürgerlicher Oberschichthanseln erinnert mich immer an eine Begebenheit aus meiner Kindheit: Vor dem Edeka-Markt in unserer Straße “wachte” der kreuzdämliche Köter der Ladenbesitzerin und verbellte jeden, der sich anschickte das Geschäft zu betreten. Einmal brüllte ein entnervter Stammkunde die kläffende Töle an: “Herrgott, das ist ein Laden, Du Mistviech! Da gehen jeden Tag Leute ein und aus, kapier das doch endlich mal!” So etwas in der Art möchte man den hyperventilierenden Bildzeitungskritikern entgegen halten:  Herrgott, die Bildzeitung ist eine Boulevardzeitung – im internationale Vergleich übrigens eine der niveauvolleren – da gehören Sensationslust, Busenwunder und eine Portion Stimmungsmache eben dazu! Also regt euch mal ab, ihr wichtigtuerischen Pseudointellektuellen!

Aktuell wirft man sich wieder in Empörungspose (via achgut): Springer will eine kostenlose “Bild zur Wahl” an alle Haushalte in Deutschland verteilen. Angesichts dieser ruchlosen Kampagne ist jetzt der Widerständler im Briefkastenbesitzer gefragt. „Gegen die Zustellung der Gratiszeitung können sie sich wehren“ tönt das Blödblog und bietet  „Keine Bild zu Wahl“ Aufkleber zum Download an. Eher nebenbei wird erwähnt, worum es in der Gratisausgabe überhaupt gehen soll: Ganz politisch korrekt wird das Springerblatt für eine rege Wahlbeteiligung werben, dabei soll es dezidiert parteiübergreifend zugehen. Man könnte fast meinen, die Gewerkschaft der Sozialkundelehrer stecke hinter der Aktion. Der Aufkleberaufstand der Blödblogleser erfüllt hingegen  alle Kriterien gratismutigen Bessermenschenheldentums: Der Gegner ist harmlos und der großkotzig zelebrierte “Widerstand” bequem und risikofrei zu haben.

Mir ist völlig wumpe, wie viele Haushalte Springer auf eigene Kosten mit seinen Publikationen beglückt, schließlich wird das nicht von meinem Geld bezahlt. Beim Programm der Öffentlich-Rechtlichen sieht es dagegen ganz anders aus. Per Zwangsabgabe muss ich dramaturgische Katastrophen wie Forsthaus Falkenau und Lindenstraße mitfinanzieren, obwohl ich mit diesen Machwerken im Gegensatz zur Gratisbild noch nicht einmal nasse Schuhe ausstopfen kann.

Wie stehen die Medienwächter vom Blödblog eigentlich zur Haushaltsabgabe? Natürlich brav systemtreu. Hände, die einen einmal füttern könnten, beißt der kritische Qualitätsjournalist eben nicht. Angesichts solcher Selbstkastrationen vorgeblich hoch wachsamer Vertreter der vierten Gewalt muss man eigentlich ganz froh um die Bildzeitung sein.