Während die Grünen im Wahlkampf gegen Leiharbeit und Werkverträge wettern hält die parteinahe Heinrich-Böll-Siftung Menschen mit genau diesen Instrumenten in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Auch der lautstark geforderte Mindestlohn von 8,50 Euro ist scheinbar nicht verpflichtend, wenn es um die Bezahlung von Mitarbeitern geht, die bei den kapitalismuskritischen Veranstaltungen der Stiftung den Besucherservice übernehmen. Die Böllstiftung, die seit 1996 unzählige Steuermillionen in die Erschaffung des neuen Gutmenschen investiert, ist sich allerdings keiner Schuld bewusst: Die eigenen oppositionellen Forderungen ließen sich eben nicht „eins zu eins umsetzen, so lange sie keine Gesetze sind“.  

Natürlich bedarf es keines Gesetzes, um Mitarbeiter angemessen zu bezahlen. Das liegt in der Verantwortung jedes Arbeitgebers. Wer unentwegt „Solidarität“ und „soziale Gerechtigkeit“ im Munde führt, der sollte diese Begriffe zuerst in seinem unmittelbaren Umfeld mit Leben füllen. Doch in unserem Wohlfahrtsstaat sind gänzlich andere Mechanismen am Werk. Solidarität übt man nicht persönlich, man fordert sie vom Staat ein. Anstatt mit eigenem Geld tätig zu werden ruft man nach der Obrigkeit, die mittels Zwangsabgaben doch bitte schön für „soziale Gerechtigkeit“ sorgen möge.

Der Gedanke der Eigenverantwortung ist solchen Umfairteilern nur eine neoliberale Propagandaphrase. Der etatistischen Morallehre zufolge ist nicht derjenige ein guter Mensch, der seinen Mitmenschen freiwillig Unterstützung gewährt, im Gegenteil. Wohlhabende Mäzene werden als gefährliche Quertreiber mit Hang zum Anarchismus beäugt, weil ihre Großzügigkeit das Machtinstrument der staatlichen Wohlfahrt bedroht. Ein guter Mensch ist jemand, der die Umverteilungsmaschine mit immer neuen Adressaten füttert und dadurch ihr ungehemmtes Wachstum garantiert. Am besten man übt diese Tätigkeit hauptberuflich aus – zum Beispiel als Referent bei der Böllstiftung – und ernährt sich so aus denselben Zwangsabgaben, die man im Namen der sozialen Gerechtigkeit unentwegt einfordert. Für diejenigen, denen es obliegt die großmütig verteilten Gelder zu erwirtschaften, die Kapitalisten, hat man in solchen Kreisen nur Verachtung übrig. Die schnöde Profitgier des gemeinen Unternehmers ist den staatliche alimentierten Edelaktivisten ein Gräuel. Von daher ist die Reaktion der Böllstiftung folgerichtig: Wer glaubt, Solidarität käme durch staatlichen Zwang in die Welt, von dem kann kein Anstand im Umgang mit seinen Mitmenschen erwartet werden.