Nur ein Bruchteil der 20 Millionen Wahlberechtigten können Angela Merkel oder Peer Steinbrück überhaupt wählen: Direkt nur wenn man auf Rügen oder in Mettmann wohnt und dann auch nur entweder Steinbrück (Mettmann) oder auf Rügen (Merkel). Erweitert vielleicht, wenn man in NRW oder Meck-Pomm lebt, denn da führen die beiden die jeweilige Landesliste an. Der Rest der Deutschen hat keine Wahl. Dass beide in den Bundestag kommen ist so sicher wie der Schrei des Muhezzin zum Sonnenaufgang. Und das ist das Dilemma

Deutschland ist eine Parteiendemokratie. Die wirken längst nicht mehr an der politischen Willensbildung mit. Sie haben diese längst monopolisiert. Und das hat nach der Nachkriegsepoche, wo wir noch kantige Typen wie Strauß oder Wehner erlebt haben, Winkeladvokaten und weichgespülte Kandidaten hervorgebracht, die vor allem durch das Fehlen der Ecken und Kanten glänzen und die eine gesunde politische Überzeugung durch das Parteibuch und das Schielen auf den sicheren Listenplatz ersetzt haben.

Kanzlerkandidaten stehen überhaupt nicht zur Wahl. Und die ausgerufene Spitzenkandidatur ist auch keine Garantie für eine Rolle auf der Bundespolitischen Bühne. Denn der Spitzenkandidat hängt nicht vom Wohl und Wehe des Wählers ab. Sondern vom Parteitag.

Das Kanzlerkandidatenduell trägt absurde Züge, die darüber hinweg täuschen, dass es dabei um nichts geht. Da werden vier Stichwortgeber nach dem Proporz des dualen Fernsehsystems ausgewählt, die den Kandidaten beim Abspulen vorher lange eingeübter Textbausteine assistieren. Derweil sitzen die Pro und Contra Lager bei Wein, Sekt und Bier zu tausenden in der Halle nebenan. Selbst die saarländische MInisterpräsidentin ist angereist um der Kanzlerin nahe zu sein.

Ausgesperrt bleiben die kleinen Parteien. Nicht mal Möllemanns Idee, sich selbst und dann doch Westerwelle zum Kanzlerkandidaten auszurufen, hat der FDP die Teilnahme am Spektakel ermöglicht.

Tatsächlich stellt diese absurde Erscheinung die Frage nach einem Systemwechsel. Mehr direkte Demokratie verhindert die Stimmenmaximierung durch die politische Mengenlehre: Durch die Erzielung möglichst großer Schnittmengen soll das Wahlergebnis optimiert werden. Und das Personenwahlrecht etwa durch eine Wahl der Listenkandidaten durch den Wähler würde die Unabhängigkeit des Kandidaten von der Partei stärken und mehr Persönlichkeiten wie Frank Schäffler in die etablierten Parteien bringen, weil sie von der Nomenklatur unabhängig agieren könnten.