Der arabische Frühling begann als vermeintliche Facebook-Revolution.  Doch als die Wahllokale nach den ersten vermutlich freien Wahlen geschlossen waren, hatten nicht die säkulären Kräfte sondern die seit Jahrzehnten von den Diktatoren unterdrückten Islamischen Kräfte als Sieger hervorgingen. Und die gingen dann schnell daran, ihre Vorstellung von einer islamischen Gesellschaft umzusetzen. Der Ägyptische Präsident Mursi und seine Muslimbrüder gingen dabei besonders zielstrrebig vor. Verwundert rieben sich nicht nur viele Ägypter die Augen. Und gingen wieder auf die Straße, bis das Militär Mursi vertrieb. Die gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen den Muslimbrüdern und der staatlichen Macht schenken sich nichts und es ist schwer festzustellen, wer damit angefangen hat. 

Die Wahl einer Regierung durch eine Mehrheit ist eine notwendige aber noch keine hinreichende Bedingung für einen demokratischen, freiheitlichen Rechtsstaat. Denn die Mehrheit sollte nur soweit über das Leben des Einzelnen bestimmen, wie dies für das Wohl der Gesellschaft erforderlich ist. Anders gesagt: Die demokratische Wahl ist insoweit ein zivilisatorischer Fortschritt, als dass nun Köpfe gezählt und nicht eingeschlagen wurden. Ägypten und Tunesien zeigen, dass die Übergänge fließend sind.

Anders gesagt: Die Mehrheit darf nicht alles. Und auch die durch die Mehrheit legitimierte Regierung muss die individuelle Freiheit respektieren und nicht eine Gesellschaft etwa nach einem religiösen Modell ausrichten. Ein demokratischer Rechtsstaat schützt die Minderheit vor dem Regress der Mehrheit.

In Ägypten liegt der Schluss nahe, dass darüber hinaus viele, die Mursi und den Muslimbrüder gewählt haben, nicht damit gerechnet haben, dass die ganz schnell dem Ansatz einer säkularen Gesellschaft den Garaus machen würden.  Ganz zu schweigen davon, dass die Regierung sich in ökonomischen Fragen weitaus inkomeptenter erwies als gedacht. Das ärgerte insbesondere den militärisch-industriellen Komplex, die offensichtlich in weiten Teilen im Eigentum der Armee befindlichen staatlichen Unternehmen.

Die säuerlichen Bekenntnisse der westlichen Politiker verkennen die Realität. Wenn der Außenminister des Zwergenstaates Luxemburg Hasselborn den Arabern das europäische Modell anempfiehlt, muss er den Putsch befürworten, der den Undemokraten Mursi und seine Islamisten hinwegfegte. Man könnte meinen, da werde der Teufel mit dem Bezelbub ausgetrieben. Doch dafür ist es noch viel zu früh. Dass die Islamisierung Ägyptens, die gegen den Willen weiter Teile der Bevölkerung (ob Mehr- oder Minderheit spielt dabei keine Rolle) verhindert wurde, ist schon der erste Schritt in die richtige Richtung.

Wenn Westerwelle und die Salon-Diplomaten jetzt sich in Brüssel über Reaktionen Gedanken machen, sollten sie ihre Überheblichkeit über Bord werfen. Deutschland und genau genommen nur die eine Hälfte ist erst seit bisschen mehr als 60 Jahre ein freiheitlicher Rechtsstaat. Und bis wir soweit waren, haben wir den Kontinent erst einmal in Asche gelegt. Den Arabern müssen wir deshalb die Zeit geben, die auch die Europäer gebraucht haben. Und nicht Maßstäbe anlegen, die nicht passen.