Nun ist er tot. Konnte man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Der Reichsverweser derer von Krupp und Bohlen-Halbach schien das ewige Leben gepachtet zu haben. Gerade noch rechtzeitig befreite er das ihm anvertraute Erbe von Gerhahrd Cromme. Berthold Beitz, 99, ist aber auch ein Beispiel dafür, dass man Juden retten konnte, wenn man über Zivilcourage verfügte. Er holte sie höchst persönlich am Bahnhof aus den Waggons. Es wäre doch anders gegangen, wenn mehr Führungskräfte weniger oppurtunistisch gewesen wären. Beitz ist dafür ein beredtes Beispiel. Dass er nach dem Krieg beim Krupp-Konzern anheuerte, der vom Rüstungswahn des Dritten Reiches ausreichend profitiert hatte, und zum engsten Vertrauten von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde, zeigt die Absurdität der Nachkriegszeit. Und die tiefe Weisheit des Spruchs mit dem “ersten Stein”.  Denn wer war ohne Schuld. Auch die Beitzsche Judenrettung diente der Kriegsmaschinerie Hitlers, weil Beitz Raffinerie ja kein Öl für die Lampen in den Luftschutzbunkern produzierte, sondern Treibstoff für Kübelwagen und Tiger-Panzer, die zeitgleich versuchten, die Weltherrschaft zu erringen.

Der Menschenretter Beitz war sich auch nicht zu schade, während des kalten Krieges für den Krupp-Konzern im Sowjetreich nach neuer Kundschaft zu suchen. Das zeigt einen durchaus pragmatischen Geschäftssinn. Und sein Weitblick sorgte schließlich dafür, dass die Kruppsche Familienstiftung (aufgrund des dekadenten Lebens des letztem Erbens ohne Nachkommen) neben der Familie Haniel die einzige Nachkommenschaft der stolzen Ruhrbarone ist, die ihr industrielles Vermögen bewahrt hat.

Dabei bediente er sich manch perfiden Tricks. Als Diether Spethmann, seinerzeit Thyssen-Chef, ihm an einem trüben Sonntag-Nachmittag einen privaten Besuch abstattete, um den Kauf des maroden Krupp-Konzerns durch das damals solide Thyssen  vorzuschlagen, verhinderte der damals schon ältere Herr das ganz einfach. Er bat Spethmann, sich doch in´s Gästebuch einzutragen und präsentierte die freundlichen Worte im Anschluss einem Spiegel-Redakteur. Perfider geht´s nimmer.

Nun ist Schluss. Der letzte Industriekapitän der Nachkriegszeit ist abgetreten.