Nazi-Alarm bei der SZ: In gleich zwei Artikeln wird heute die Vereinnahmung der Weißen Rose durch Michael Stürzenberger, einen der lautesten Aktivisten der Partei „Die Freiheit“, beklagt. Stürzenberger will die legendäre Widerstandsgruppe erneut gegründet haben, diesmal um den muslimischen Horden die Stirn zu bieten. Die SZ findet die Gleichsetzung von Islam und Nationalsozialismus natürlich “krude” und empörend. Das erstaunt ein wenig wenn man weiß, dass die Herabwürdigung der CSU als Nazipartei von heute in der bajuwarischen Linken eine lange Tradition hat, die auch in den Kommentarspalten des Neuen Süddeutschland gerne gepflegt wird. Aber nicht nur weiß-blaue Ausländerfeinde und Genossen, auch die Hauptstadteliten sind beim viel zitierten Lernen aus der Geschichte erstaunlich kreativ.

In Berlin begann 2013 das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“, das aus der lokalen Perspektive an den Nationalsozialismus erinnern soll. Leider ist diese Aktion besser gemeint als gemacht. Man will für „Toleranz und Weltoffenheit“ werben und betont, dass die Nazis „gesellschaftliche Vielfalt“ zerstörten. Die Hauptstadt sei als „jüdische Metropole“ mit ca. 160.000 jüdischen Bürgern besonders hart getroffen worden. Gleichzeitig wird versöhnlich festgestellt, dass Berlin „heute stolz auf seine wiedergewonnene Vielfältigkeit“ ist.

Die implizite Gleichsetzung der Berliner Juden mit Bürgern mit Migrationshintergrund, von denen der politisch korrekte Mainstream so gerne sagt, sie würden die Stadt “vielfältig” machen, ist nicht nur historisch falsch, sie bedient auch hoch problematische Multi-Kulti-Klischees. Wer Menschen nach je nach Herkunft in Schubladen steckt ist schlicht und ergreifend ein Rassist, auch wenn er nicht müde wird zu betonen, wie sehr die exotischen Anderen doch die nationale Kultur – oder was er dafür hält –  beleben. Die meisten deutschen Juden waren ohnehin nicht „anders“ oder „bunt“, sondern biedere deutsche Staatsbürger und Patrioten. Ihre Stigmatisierung als „Fremde“ ging der Vernichtung voraus. Der krampfhafte Bezug auf Multi-Kulti-Schlagworte gibt den Nazis mit ihrer Einteilung der Bürger Berlins in „Arier“ und „Nicht-Arier“ ungewollt  recht, mit dem Unterschied, dass „Nicht-Arier“ jetzt als bunte Vielfaltsträger gelten sollen, und nicht als lebensunwertes Leben. Trotzdem werden sie als fremdes Kollektiv begriffen, da hilft auch die Beförderung zum schmückenden Beiwerk nicht.  Wer gegen die “Ausgrenzung von „Anderen“ Stellung beziehen” will, der täte gut daran, kollektivistische Schablonen gänzlich über Bord zu werfen.

Noch ärgerlicher als solche problematischen Assoziationen ist allerdings Klaus Wowereits Grußwort auf der Webseite der Aktion:

Die Vielfalt eines weltoffenen Berlins der 1920er und 1930er Jahre wurde durch den Nationalsozialismus in kürzester Zeit und mit schwerwiegenden Folgen zerstört.  Dass wir jetzt sagen können, Berlin hat diese Vielfalt wiedergewonnen, ist nicht selbstverständlich, sondern eine Leistung unserer Stadt, unserer Bürgerinnen und Bürger, die es aktiv zu bewahren gilt. Diese zentrale Botschaft richtet sich an alle Berlinerinnen und Berliner, besonders auch an die junge Generation in unserer Stadt, wie an die zahlreichen Gäste aus nah und fern, die uns jedes Jahr genau deshalb besuchen“

Lokalpatriotisches Geprotze und Werbung um jugendliche Partytouristen in einem Atemzug mit der Shoa, das ist selbst bei einer weiten Auslegung des Begriffs “Berliner Schnauze” ziemlich geschmacklos.

Stürzenberger ist eine hohle rechte Randfichte. Ihm geht es um Provokation und Aufmerksamkeit, die er Dank der Empörungsreflexe gutmenschlicher Redakteure auch bekommen hat. Wenn der Berliner Senat anlässlich des 75. Jahrestages der Novemberpogrome  fragwürdige politische Ideologien mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus verquickt, dann ist das viel problematischer. Um es mit einem bekannten Filmzitat zu sagen: Unpassende Nazivergleiche sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.