Georgios Vassiliou war von 1988 bis 1993 Präsident Zyperns und ebnete den Weg der Insel in die EU. In der ZEIT hatte er heute bemerkenswertes zum viel gescholtenen zyprischen Geschäftsmodell zu sagen:

ZEIT ONLINE: War nicht auch das Geschäftsmodell mit Banken und Niedrigsteuern ein viel zu hohes Risiko?

Vassiliou: Nein, warum? Unser Geschäftsmodell war gut. Allein von Tourismus konnten wir nicht leben. Also haben wir uns auf Dienstleistungen konzentriert, besonders im Finanzsektor. Und das mit einem sehr soliden Hintergrund. Wir haben eine stabile Demokratie, ein zuverlässiges Rechtssystem basierend auf dem britischen Common Law, ein funktionierendes Steuersystem, eine gut ausgebildete Bevölkerung, effiziente Rechnungsprüfer, Buchhalter, Anwälte. Das funktionierte. Andere Länder in der EU machen das auch.

Die Geschichte gibt ihm Recht. Ich hatte vor einigen Tagen halb im Scherz darauf hingewiesen, dass es nicht russische Gelder fragwürdiger Herkunft, sondern griechische Staatsanleihen waren, die Zyperns Banken in den Abgrund gerissen haben. Trotzdem hatte das zyprische Geschäftsmodell natürlich einen Haken, da der riesige Bankensektor von der kleinen Volkswirtschaft nicht gestützt werden konnte. Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse übrigens in Irland, das ins Defizit rutschte, als es seine durch Subprime-Krise und heimische Immobilienblase gebeutelten Banken verstaatlichte. Bekanntlich schlüpfte auch Irland unter den Rettungsschirm.

Die beiden Inseln gleichen sich noch in einem anderen Punkt: Dank ihrer Entwicklung zu Steuerparadiesen gelang diesen ehemals bitter armen Nationen der Aufstieg in die erste Liga der entwickelten Länder, und das in Rekordzeit. Irland, einst das Armenhaus Nordeuropas, mauserte sich durch seine unternehmerfreundlicher Steuerpolitik in knapp zehn Jahren von einem traditionellen Auswanderer- zu einem Einwandererland, reduzierte seine Staatsverschuldung drastisch und drückte die Arbeitslosigkeit auf 5%. Ausländische Direktinvestionen, angelockt von den niedrigen Steuersätzen, befeurten aber auch einen überhitzten Immobilienmarkt und trugen so zum Kollaps des irischen Bankensektors bei. Zyperns Wirtschaftswunder kann sich ebenfalls sehen lassen. Durch die türkische Invasion 1974 ging ein Großteil der Produktionsmittel und Agrarflächen verloren, die Volkswirtschaft des griechischen Teils stand vor dem Nichts. Trotzdem erlebte Zypern bis 2009 fast dreißig Jahre kontinuierliches Wirtschaftswachstum und wandelte sich von einem unterentwickelten Agrarland zu einer modernen Dienstleistungsökonomie. Der Aufstieg zum internationalen Finanzplatz spielte dabei eine wesentliche Rolle.

In beiden Fällen kam der Wohlstand auch bei der Bevölkerung an. Paddy und Kostas Normalverbraucher geht es heute trotz Krise immer noch besser als sämtlichen Generationen zuvor. Es ist durchaus fraglich, ob diese Erfolgsgeschichten nur mit Strandurlaubern und Halloumi-Käse, respektive Guiness und Kerrygold-Butter möglich gewesen wären. Mit Pauschalurteilen über die Risiken einer lockeren Steuerpolitik sollte man angesichts dieser Fakten vielleicht etwas vorsichtiger sein.