Wenn die Europäische Union vor „gefährlichen Finanzprodukten“ warnt, dann ist das ungefähr so, als würde Saudi-Arabien Frauenfeindlichkeit anprangern. Sven Giegold, grüner EU-Parlamentarier, Mitbegründer von Attac und Autor von Büchern wie „Steueroasen trocken legen“ und „Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus“ ficht das nicht an, denn er hat sich dem Schutz der Unionsbürger vor Finanzhaien und anderem kapitalistischem Gelichter verschrieben. Deswegen lobt er auf einer Website die „gefährlichsten Finanzprodukte Europas“ virtuell zu Fahndung aus. Der “Sieger” soll noch dieses Jahr von der EU-Aufsichtsbehörde ESMA vom Markt genommen werden.  Finanziert wird die populistische Aktion aus EU-Mitteln und weil man in Brüssel basisdemokratische Elemente immer schon sehr geschätzt hat, darf der einfache Bürger sogar Vorschläge einreichen.

In schönster Bürokratenprosa wird dem interessierten Leser der Horror der Finanzwelt näher gebracht:

Die Entgleisung des Finanzsystems, die letztendlich in eine globale Wirtschafts- und Finanzkrise führte, ist zu einem erheblichen Teil der unnötigen Komplexität und Intransparenz von Finanzmärkten bzw. Finanzprodukten geschuldet. Wegen ungenügender Transparenz lassen sich nicht-marktgerecht bepreiste Risiken  und Wucherkosten  verstecken. Es gibt in diesem Dickicht undurchsichtige Hebel-Produkte mit Ansteckungswirkung ins Finanzsystem, toxische strukturierte Finanzprodukte oder Derivate usw.

Mit intransparentem Geschwätz gegen fehlende Transparenz, das passt zur Europäischen Union, die Undurchsichtigkeit zu ihren Kernkompetenzen zählen darf. Propagandamärchen über Hungerkrisen, die durch Nahrungsmittelspekulation ausgelöst worden sein sollen, werden auf der Website ebenso verwurstet wie der in linken Kreisen äußerst beliebte Mythos von der Finanzkrise als Marktversagen. Gekrönt wird das Agitprop-Potpourri von der Forderung nach heilsamen staatlichen Eingriffen in die Märkte, um die „gesellschaftlich schädliche“ Intransparenz abzubauen. Als ob es nicht gerade den staatlichen Eingriffen in den amerikanischen Immobilienmarkt zu verdanken war, dass entgegen aller Marktregeln Kredite an Menschen vergeben wurden, die diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zurückzahlen konnten. Die Folgen dieses politisch gewollten Betrugs im Namen der sozialen Gerechtigkeit sind bekannt: Faule Kredite überschwemmten die Finanzmärkte und vergifteten nach dem Platzen der Immobilienblase eine Großbank nach der anderen. Fertig war die Subprime-Krise und die Retterei systemrelevanter Institute mit Steuergeldern nahm ihren unheilvollen Lauf.

Von alle dem erfahren wir bei Herrn Giegold natürlich nichts. Die Rollen sind klar verteilt: Böse Spekulanten und die Hochfinanz auf der einen Seite, Politiker und Bürokraten als Retter in schimmernder Wehr auf der anderen. Historisch gebildeten Menschen sind diese Propagandaversatzstücke nicht unbekannt. Rote und braune Kapitalismuskritiker waren sich eben immer schon sehr nahe. Apropos gebildete Menschen: Die Jury, die über die eingereichten Vorschläge abstimmen darf, ist selbstverständlich mit ausgewiesenen Experten für die Gefahren der Marktwirtschaft besetzt. Vertreter von antikapitalistischen NGOs wie „WEED“ und „Südwind e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene“ bürgen zusammen mit der Wirtschaftskorrespondentin der TAZ für die fachliche Qualität dieses Gremiums.

 Wie auch immer die Abstimmung ausgehen wird, die wirklich gefährlichen Finanzprodukte finden auf der Website gar keine Erwähnung: Das Sparkonto zum Beispiel, das Dank der Bazooka-Ökonomie von Brüssels Gnaden nicht mehr genug Zinsen abwirft, um die Inflation auszugleichen. Oder die Ramschanleihen, die von den hyperverschuldeten Bananenrepubliken der Eurozone auf den Markt geworfen werden. Übertroffen werden diese finanztechnischen Katastrophen nur noch von einem Phänomen: Die auch als Euro bekannten Einheitswährung, die einem ganzen Kontinent von einer Allianz aus Politik und Technokratie aufgezwungen wurde, und bereits mehrere Volkswirtschaften in den Abgrund gerissen hat. Das schlimmste am Euro ist sein Zwangscharakter. Während niemand dazu genötigt wurde, sein Erspartes in Lehman-Zertifikate zu stecken, hat man den Bürgern der Eurozone die neue Währung aufoktroyiert. Das ist nicht nur volkswirtschaftlich dumm, es ist auch totalitär. Und keine noch so aufwändige Propaganda kann darüber hinwegtäuschen.