Eines der hervorstechenden Merkmale des deutschen Qualitätsjournalismus ist die Ähnlichkeit in der Dämlichkeit. Schuld daran ist zweierlei: Das hemmungslose plagiieren von Agenturmeldungen führt zu fast wortgleichen Passagen, wie man heute anhand der Meldungen (SPON, ZEIT, TAZ und SZ) zu Joe Bidens hohem Lied auf die Schrotflinte feststellen kann. Noch schlimmer ist allerdings das Phänomen „Zwei Dumme, ein Gedanke“, das vor allem bei Berichten über Israel, die USA und den Kapitalismus seine unheilvolle Wirkung entfaltet.

Heute widmet man sich in den deutschen Redaktionsstuben also Obamas Vize, der doch vom Präsidenten persönlich mit der “Suche nach Möglichkeiten zur Eindämmung von Waffengewalt betraut” wurde, und gibt sich bass erstaunt, dass „ausgerechnet Biden“ „ausgerechnet auf der Webseite eines Elternmagazins“ den Kauf von Gewehren empfiehlt. Was für ein  Quatsch. Biden, der in den USA übrigens als notorischer Dampfplauderer gilt, hat ausnahmsweise keinen peinlichen Versprecher produziert, sondern vertrat brav die Linie seines Chefs.

Einige Waffen wie Sturmgewehre will Obama gerne verbieten, aber natürlich nicht jeglichen Schusswaffenbesitz, auch wenn die Obamagroupies bei SZEITAZSPON das ganz fest glauben. Das ginge auch gar nicht, denn das Recht auf Waffenbesitz ist in den USA in der Verfassung festgeschrieben. Man darf durchaus vermuten, dass das dem Juristen Obama bekannt ist. Die Debatte dreht sich um Einschränkungen beim Erwerb bestimmter Waffen, nicht mehr und nicht weniger. Deswegen stellt Biden auch nicht das Recht auf Selbstverteidigung mit einer Schusswaffe in Frage, sondern wirbt dafür, es bei der guten alten Flinte zu belassen anstatt auf Profigewehre aus Militärbeständen zurückzugreifen. Viele Waffenfreunde sehen das naturgemäß ganz anders und greifen Biden jetzt scharf an. Man muss schon verdammt wenig Ahnung von der amerikanischen Rechtslage und der aktuellen Diskussion um Waffengesetzte haben um daraus wie SPON zu basteln, dass Bidens „überraschende Waffenbekenntnisse“ „die USA irritieren“ würden.

Schade, dass bei dem Wort „Schrotflinte“ offenbar umgehend die Schnappatmung einsetzte, sonst hätten unsere Medienschaffenden von Biden noch etwas lernen können. Der empfahl seiner Gattin besagte Flinte nämlich nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil Bidens ein einsames Häuschen in den Wäldern Delawares bewohnen. Auch wenn es unseren Qualitätsjournalisten bisher entgangen sein mag: Die USA sind ein ziemlich großes Land mit viel unberührter Natur, in dem Millionen Menschen auf isolierten Anwesen leben. Selbstverständlich kann man auf einer Ranch in der Prärie den Sheriff rufen, wenn die Räuber vor der Tür stehen oder in einer Hütte in den Rockies die Feuerwehr, falls ein Braunbär im Vorgarten die Mülltonnen demoliert. Man muss dann allerdings mehrere Stunden Zeit für die Anreise der rettenden Staatsdiener einplanen. In Anbetracht dieser Realitäten sollte eigentlich auch den vulgärpazifistischen deutschen Journalisten dämmern, warum viele Amerikaner auf Schusswaffen gar nicht verzichten können.

Und was das Recht auf Selbstverteidigung angeht, ob mit oder ohne Sturmgewehr: In einem Land, in dem eine Armada von Sicherheitsbehörden nachweislich zu dumm war, um unbescholtene Bürger vor dem Terror dreier Nazimörder zu beschützen, sollte man lieber zweimal überlegen, bevor man Menschen, die ihr Leben nicht gänzlich staatlichen Organen anvertrauen wollen, als paranoide Waffennarren denunziert.