Leise rieselt der Schnee. Nach einer Woche in den USA reibt man sich dann doch die Augen ob der öffentlichen Diskussion. Die unpassende Anmache eines älteren Herrn an der nächtlichen Hotelbar löst eine “Sexismus-Debatte” aus, eine kaum ältere Universität erkennt  einer Bundesministerin nach Verstreichen einer 30-jährigen Verjährungsfrist ab, worüber sich ausgerechnet der  linke Dr. Bartsch echauffiert, der einst an der Moskauer Parteihochschule der KPdSU promovierte, wo seine Dissertation sicher im Tresor vor Plagiatsvorwürfen geschützt bleibt. Und Jörg-Uwe Hahn stösst mit einer ungeschickten Äußerung über die südostasiatische Herkunft des Vizekanzlers eine Rassismus-Diskussion an. Ein Land in Verwirrung.

Wer sich nachts um eins an die Hotelbar begibt, sollte später nicht über den Umgangston lamentieren. Mir gegenüber haben sich schon frühere Chefs der Staatskanzlei so geriert, dass man ihnen einen Strick draus drehen konnte. Aber das tut man eben nicht. Und der Arbeitsvertrag von Stern-Jung-Journalistinnen sieht keinesfalls eine dortige Aufenthaltspflicht zwingend vor. Dass Frauen in Deutschland aber flächendeckend unter Sexismus in der Gesellschaft zu leiden hätten, ist nicht mal ein Gerücht. Im Land der Innenn sind wir von Political Correctness erschlagen und wird als Mann förmlich diskriminiert. Frauen wollen in Deutschland emanzipiert sein, erwarten aber immer noch, dass der Mann mehr Geld verdient, ihnen Rosen schenkt und die Tür aufhält. Wenn sich im Anschluß alle öffentlich-rechtlichen Talk-Shows mit dem vermeintlichen Phänomen beschäftigen, beweisen sie nur, dass sie überflüssig sind und die Demokratieabgabe eine überflüssige Steuer ist. Bei Brüderle hat Himmelreich alles erreicht. Der Volkssturm der FDP ist abgetaucht und traut sich nicht mehr vor die Mikrofone. Und am Ende bleibt immer etwas hängen.

Da hat es Frau Dr. Schavan schon etwas schlechter getroffen. Üblicherweise verjährt ja jede Straftat ausser Mord nach 30 Jahren. Und die Geschichte um ihre und die Promotion des einstigen Hoffnungsträgers von und zu Guttenberg legt nahe, dass es schwerer ist, mit einem Gesinnungsaufsatz das Abitur zu bestehen als zum Doktor berufen zu werden. Und die ganze Diskussion ist ausreichend verlogen. 

Das zeigt insbesondere, dass Leute wie Dr. Gysi, die ihren Klassenstandpunkt in einer Diss über die sozialistische Rechtssprechung in der DDR diesen Titel schadlos führen darf, obwohl er mindestens oppurtunistisch der SED, deren Mitglied er war, nach dem Munde geredet haben dürfte und die wissenschaftliche Erkenntnis seiner Schrift sich mit Bestimmtheit in größeren Grenzen hält als die von Schavan, deren Titel mich bereits schon vollständig verwirrt.

Der Kern der Angelegenheit ist aber ein anderer: Wir leisten uns einen Wissenschaftsbetrieb, der kaum noch Wissen schafft. Sondern Selbstbefriedigung für all diejenigen, die sich mit einem akademischen Tribut schmücken. Das gilt nicht nur für Doktores, sondern für Professoren und Geisteswissenschaftler aller, Art,  die mit der Inflationierung der Information tatsächlich zur Entwertung des Wissens in der Gesellschaft beitragen, weil man das Wesentliche nicht mehr erkennt.

Insbesondere in der Ökonomie ist deutlich festzustellen, dass hier ein selbstreferentieller Betrieb entstanden ist, der sich mit mathematischen Formeln erfolgreich von der Realität immunisiert hat. Von den Prognosen und Modellen lässt sich nur mit Sicherheit eines sagen: Die von ihnen vorhergesagten Ergebnisse treten nie ein.

Zuguterletzt zum Rassismus. Da hat Herr Hahn ein großes Faß aufgemacht. In einer Republik der Denkverbote haben es gerade die unterschwelligen Vorurteile leicht, weil keiner sich traut, sie offen auszusprechen. Der Jakobiner Augstein könnte doch zu seinem Antisemitismus stehen und müsste ihn nicht als Israelkritik verklausulieren. Und eine Frau als Bundeskanzlerin, ein Schwuler als Außenminister, ein Schwabe mit türkischem Migrationshintergrund als Parteivorsitzender und ein in wilder Ehe lebender Bundespräsident spiegeln eben eine gefühlte Toleranz in der Gesellschaft vor, die keine Akzeptanz des Andersseins oder der anderen Meinung zulässt.

Darüber lohnt sich dann wirklich mal zu reden, statt sich über eine mißverständliche Äußerung des hessischen FDP-Vorsitzenden zu echauffieren.

 

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