Meine wachsende Verwunderung über die aktuelle Sexismus-Debatte zwingt mich nun doch zu ein paar Worten. Entkommen kann man dem Thema ja auch schlecht. Bei Twitter schreien zehntausende Frauen auf, Leitmedien veröffentlichen Tipps für die angemessene Kontaktanbahnung und auf SPON wird der berufliche Alltag zum „sexuellen Jagdrevier“ gewissenloser Wüstlinge erklärt. Die Aufschrei-Aktivistin Wizorek verortet einen signifikanten Teil des starken Geschlechts irgendwo zwischen Tarzan und King Kong und findet wir Frauen sollten uns mit diesen Halbaffen nicht „zurück auf die Bäume“ begeben. Hobby-Anthropologin Hatice Akyün erklärt uns im Tagesspiegel, dass beim männlichen homo sapiens neanderthalensis „die drei Urtriebe des Mannes, Jagen, Sammeln und Fortpflanzen, sich als Relikte der Steinzeit nicht weiterentwickelt haben“.

Selbst unter grünen GutmenschInnen herrschen bei genauem Hinsehen die Gesetze des Dschungels, denn auch in der Nein-Danke-Partei „wird gerade bei Frauen mehr darauf geachtet, wie sie aussehen, als darauf, welche politischen Inhalte sie umsetzen möchten“. Man muss die niveaulosen Baggerversuche der Brüderles dieser Welt nicht ersprießlich finden um sich über den hysterischen Tonfall einiger Debattenbeiträge zu wundern. Die Verlautbarungen vieler Aufschreierinnen erinnern mich penetrant an eine Szene aus „Manche mögen‘s heiß“.

Was mich daran stört ist die Entsexualisierung der Frau und die Abwertung von Männern zu Triebtätern. Die Moritat vom testosterongesteurten Unhold und der verfolgten weiblichen Unschuld ist so glaubwürdig wie das Märchen vom Klapperstorch und für einen aufgeklärten Umgang mit Sexualität ähnlich schädlich. Die übersteigerten Sexismusdefinitionen, die jetzt auf Twitter und in den Qualitätsmedien die Runde machen, sind völlig lebensfremd und letztlich kontraproduktiv. Zudem blendet die Debatte weiblichen Sexismus aus. Auch Frauen schauen attraktiven Männern nach, suchen ihre Nähe und flirten mit ihnen. Auch Männer werden über ihr Aussehen definiert, sogar in der Politik, jüngstes Beispiel ist Yair Lapid, der “schönste Politiker Israels”. Wobei ich schlicht bestreiten würde, dass es sich bei der bloßen Wahrnehmung sexueller Anziehung um Sexismus handelt. Ich habe durchaus Verständnis für Männer, die sich von Dekolletés abgelenkt fühlen, denn mir geht es bei muskulösen Oberkörpern manchmal ähnlich. Und wenn wir schon dabei sind, dann können wir an dieser Stelle auch gleich mit den Mythen um das Paarungs- und Sozialverhalten des menschlichen Weibchens aufräumen: Auch wir betrügen und belügen unsere Partner oder heucheln gelegentlich Gefühle um Sex zu bekommen. Und wehe dem Kerl, der zu klein oder zu dick für das Brad-Pitt-George-Clooney-Raster ist – unser Spott kann gnadenlos sein.  Wer das nicht glaubt, der frage bitte den dicken Brillenträger aus dem Matheleistungskurs.

Und warum auch nicht. All is fair in love and war. Frauen wollen nicht nur begehrt werden, sie begehren auch. Sie wollen nicht nur verführt werden, sie verführen auch. Kurzum: Auch Frauen wollen Sex. Pardon, aber das muss hier so deutlich geschrieben werden, weil es sonst nirgendwo erwähnt wird. Die Anstandsdamen in den deutschen Qualitätsmedien tun ja gerade so, als wäre der Sexualtrieb eine rein männliche Angelegenheit. Offenbar hängen die prüden Twitterinnen von der Aufschrei-Brigade den Geschlechterbildern des 19. Jahrhunderts nach. Damals galt es als wissenschaftlich erwiesen, dass das schöne Geschlecht sexuell desinteressiert ist und sich der unaussprechlichen Sache nur auf Befehl des Gatten und um der Fortpflanzung willen aussetzt. Sollten wir Frauen nicht eigentlich froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind?