Es ist für die Deutschen ein großes Glück, dass die Heilsgeschichte rund um Präsident Obama nur von den fähigsten Kräften des deutschen Journalismus in die Heimat gefunkt wird. Bekanntlich können religiös verehrte Figuren nur durch das Böse an ihren durch und durch guten Taten gehindert werden. Bei Jesus waren es zionistische Elemente und die Römer, bei Mohammed die Kuffar, bei Hitler die anglo-amerikanischen Plutokratien und beim Weltkommunismus irgendwelche schäbigen Kapitalisten. Bei Obama sind es nun die, die schon seit 2001 dafür gesorgt haben, dass in deutschen Redaktionsstuben und Wohnzimmern regelmäßig Hüte an die Decken flogen: Die Neokonservativen.

Da Neokonservative, Neoliberale und Neonazis eigentlich ein und dasselbe sind, reden Sebastian Fischer und Gregor Peter Schmitz auch nicht lange um den heißen Brei herum: “Neokonservative aus der Bush-Ära nehmen Barack Obamas Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers unter Feuer, den Kriegskritiker Chuck Hagel. Manche der ‘Neocons’ sähen die USA am liebsten im Dauerkrieg.”

Dass es tatsächlich einen “Dauerkrieg” gibt und Obama mit Drohnen am laufenden Band weltweit Terroristen ausschaltet, wissen die Korrespondentchen natürlich sehr gut, aber das zählt nicht, denn Obama ist einer der Guten. Dessen “zentrales Ziel” sei es “al-Quaida auszuschalten”, das ist keine kriegerische Handlung, die besteht in “der ewigen Achse-des-Bösen-Litanei” und vor allem “präventiven Kriegen und militärgestützten Demokratisierungsphantasien”. Dass präventive Kriege die Geschichte des 20. Jahrhunderts etwas glimpflicher hätten gestalten können und Demokratisierungsphantasien von Churchill und Roosevelt dafür verantwortlich sind, dass die Herren Schmitz und Fischer heute nicht bei der Prawda oder dem Völkischen Beobachter schreiben oder in einem Lager einsitzen, spielt keine Rolle. Die “Bush-Krieger” sind gefährlich und gefährden durch ihre bloße Existenz ihren Heiland Obama.

Worin die Rückkehr der “Bush-Krieger” genau besteht, außer dass einige Republikner Chuck Hagel als Verteidigungsminister ablehnen? Das wissen die Korrespondentchen auch nicht so genau, also präsentieren sie schnell ein kurzes Profil des hochgefährlichen Bill Kristol, der meint, dass die bisherige Strategie gegen die iranische Atombombe ein Fehlschlag war, und des Historikers Robert Kagan, der nicht glaubt, dass die Chinesen als Weltmacht einen besonders guten Einfluss auf die Entwicklung der Demokratie hätten. Zwei nicht besonders außergewöhnliche Meinungen – für Fischer-Schmitz aber eindeutig der Beweis dafür, dass die Neocons einem globalen “Dauerkrieg” der USA entgegen fiebern.

Wie soll man einen solchen Artikel nennen? Die Recherche-Leistung tendiert gegen Null, die Korrespondentchen bedienen sich bei dem, was die Nachrichten und einige amerikanische Magazine hergeben. Der Rest ist Ideologie. Aber es erfüllt seinen Zweck: Das Ressentiment gegenüber Obamas politischen Gegnern muss beim deutschen Leser aufrecht erhalten werden. Im Wahlkampf reichten dafür einige Patzer des Gegenkandidaten und dessen geschäftlicher Erfolg. Das politische System der USA, das keinen wirklichen Oppositionsführer kennt, macht es nötig, in den nächsten vier Jahren ein Bedrohungsszenario mit “einflussreichen” Dunkelmännern aufzuzeigen und wer eignet sich dafür besser als “Bushkrieger” und “Neocons”? Die sind den Deutschen noch aus den antiamerikanischen Kampagnen der Jahre 2001 – 2008 wohlbekannt.

Die Sache dürfte für die beiden Korrespondentchen nur einen Makel haben: Ihr geliebter Obama wird nichts von ihren Sorgen um sein Wohl mitbekommen und es auch nicht nötig haben, von ihnen auf diese Weise unterstützt zu werden.