Willi Winkler ist einer dieser harmlosen Altlinken, die in den deutschen Feuilletons seit Jahr und Tag ihren immer gleichen Senf abgegeben. Ein bisschen die RAF beschönigen, die USA kritisieren und auf den Kapitalismus schimpfen – you name it. Das ist ausgesprochen vorhersehbar und dementsprechend langweilig. Sein Artikel über Pola Kinskis Buch „Kindermund“ hat es allerdings in sich.

Winkler hält Klaus Kinski allen Ernstes für einen „einzigartigen Schauspieler“, dabei beherrschte dieser nur die Rolle des überdrehten Charakterschweins, die ihm das Leben auf den Leib geschrieben hatte. Dass diese neurotische Witzfigur von den linken Feuilleton-Eliten seit Jahrzehnten zum „Genie“ hochgejazzt wird sagt viel über die geheimen Wünsche der verklemmten Nickelbrillenträger in den deutschen Redaktionsstuben aus.

Auch für Winkler ist Kinski „ein Denkmal“, weswegen er zu einer recht lockeren Sichtweise auf diese sehr spezielle Vater-Tochter-Beziehung neigt:

Wenn Pola Kinski den Verführer schildert, lässt sie keine Kitsch-Vokabel aus. Natürlich hat der zudringliche Vater “starke Arme” und er “presst mich an seinen Körper”. Er riecht nach Zigaretten und Parfüm, es “ekelt mich, ich bekomme kaum Luft”. Und wie in der Pornografie klassischer Spielart, als Handreichung für ältere Männer, geht es weiter: “Er nimmt meine Hand, umschließt sie fest mit seiner Pranke, und wir gehen hinaus.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine der führenden Zeitungen dieses Landes Kinderpornos als klassische Handreichung für ältere Männer und die Vergewaltigung durch den eigenen Vater als Verführung bezeichnet.

Mitgefühl für die Nestbeschmutzerin Pola Kinski mag bei Winkler nicht so recht aufkommen, aber immerhin gesteht er zu, dass der Herr Papa nicht ganz unschuldig an ihrem schwierigen Wesen ist, hat er sie doch „rettungslos verzogen, unverantwortlich sexualisiert und für ein halbwegs normales Leben gründlich verdorben“.

Wie sexualisiert ein Vater seine kleine Tochter eigentlich verantwortlich? Aber Winkler meint es ja nicht böse. Gönnerhaft wünscht er Pola Kinski, „dass sie ihre fürchterliche Kindheit damit ein für allemal verarbeitet hat”, obwohl sie mit ihrem Buch ja leider auch „Voyeurismus“ bediene. Für Winkler ist das Fazit klar: Schwamm drüber, ein Genie hat eben auch seine verrückten Seiten. „Am Ende hat sie den Kinski-Familienmythos nicht demontiert, sondern um eine weitere Facette bereichert“.

Winkler steht mit seiner lässigen Verharmlosungsrhetorik in guter linker Tradition. Daniel Cohn-Bendit berichtete einst stolz davon, wie ihm notgeile Kindergartenkinder an die Wäsche gingen. Die Geschichten waren wohl frei erfunden, die Selbstgefälligkeit mit der er sie zum Besten gab war echt. Als Ende der 90er Jahre erstmals die Zustände an der Odenwaldschule ruchbar wurden winkte der deutsche Qualitätsjournalismus ab. Reformpädagogen, das waren schließlich die Guten, die waren antiautoritär und hatten den erforderlichen Stallgeruch. Und so lief das Begrabschen nackter Jungs noch zehn weitere Jahre unter der Rubrik „herrschaftsfreie Schule“. Oder die  glühenden Verteidigungsreden für Roman Polanski  – auch so ein Künstler, für den der moralische Minimalkonsens nicht gelten sollte.

Was finden linksfühlende Feingeister an Kinderschändern? Eigentlich nichts. Vielmehr träumt man im Feuilleton gerne von Grenzüberschreitern, von Provokateuren und Rebellen, die man als strahlende Antipoden zu einer angepassten und mittelmäßigen Gesellschaft versteht. Selbstredend ist man als kritischer Geist auf der Seite dieser unverstandenen Genies. So kommt es, dass manch eine Edelfeder auf Hochstapler wie Kinski oder die pädophile Odenwaldclique herein fiel, und bei dem krampfhaften Versuch auch einmal unkonventionell zu denken jedes Maß verlor.

Und Winkler? Ist der ein perverses Schwein? Weit gefehlt. Er ist nur ein trantütiger deutscher Kulturschaffender, der sich sein lieb gewonnenes „Denkmal“ nicht wegnehmen lassen will. Um zu verstehen, was er mit seinem bräsigen Geseier anrichtet, ist so einer viel zu schlicht von Gemüt.