Sechsunddreißig Jahre nachdem Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann für ihre palästinensischen Komplizen die jüdischen Passagiere einer entführten Air-France-Maschine selektierten und vierundvierzig Jahre nachdem der 68er-Revoluzzer Dieter Kunzelmann unser Land mit Hilfe eines Attentats auf Holocaustüberlebende vom „Judenknax“ befreien wollte ist es immer noch nicht möglich, linken Antisemitismus zu thematisieren. Das weiß man jetzt auch beim Simon Wiesenthal Center. Dort wagte man den Tabubruch, und setzte die Ergüsse eines dezidiert linken Journalisten auf die Liste der schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Ausfälle des Jahres 2012. In der Folge bekamen das SWC und vor allem sein Kronzeuge Henryk Broder den Zorn der linken Israelkritikerlobby zu spüren, die in den deutschen Medien den Ton angibt.

Selbst ein gut vernetzter Publizistenveteran wie Broder ist vor ihrer Macht nicht sicher. Er darf aufgrund seiner Augsteinkritik nicht mehr beim RBB kommentieren. Da es sich um einen öffentlich-rechtlicher Sender handelt, erfüllt dies eigentlich schon den Tatbestand der Zensur –  die Demokratieabgabe lässt grüßen. Und dabei kann Broder noch froh sein, bei der FR würde man ihn am liebsten im Gefängnis sehen.  Jan Fleischhauer, der bei SPON den Haus- und Hofkonservativen geben darf, hat die Botschaft verstanden und lieferte pflichtschuldig eine windelweiche Apologetik für den Spiegel-Mitbesitzer Augstein. Von der klarsichtigen Analyse linken Israelhasses aus  „Unter Linken“ ist nichts mehr zu spüren. Dass gerade der Spiegel oft und gerne eine unrühmliche Rolle bei antizionistischer Hetze einnimmt ist angesichts der historischen Vorbelastung des Magazins übrigens nicht erstaunlich. Das viel gerühmte Sturmgeschütz der Demokratie war nach seiner Gründung auch ein Auffanglager für Nazitäter und Mitläufer, seine Israelberichterstattung hatte daher immer schon ein gewisses Hautgout. Augstein steht hier ganz in der Tradition seines großen Namens.

Wie unerwünscht die längst überfällige Debatte über linken und damit auch mainstreamtauglichen Judenhass ist musste vor einigen Monaten auch Tuvia Tenenbom erfahren. Der New Yorker Theatermacher reiste für den Rowohlt Verlag durch unser schönes Land, von dem er glaubte, es hätte das Erbe der NS-Zeit hinter sich gelassen.  Dann machte er Bekanntschaft mit dem gepflegten Antisemitismus der israelkritischen Ausdemholocaustgelernthaber. Sein Buch „I Sleep in Hitlers Room“ ist ein Dokument des Entsetzens über die neuen alten Judenfeinde in diesem Land. Rowohlt weigerte sich prompt das Buch zu verlegen und eine Allianz aus SZ und Spiegel giftete gegen „den Juden Tenenbom“ und seine Deutschlandkritik.

Im Feuilleton wandelt sich der Tonfall mittlerweile vom aggressiven „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“ zum kalauernden Scherz. Es gibt schließlich kaum ein witzigeres Thema als Antisemitismus. Vor allem in dem Land, das die fabrikmäßige Vernichtung des europäischen Judentums bewerkstelligt hat und in dem jüdisches Leben auch siebzig Jahre später nur unter massiven Sicherheitsvorkehrungen möglich ist. Als einer der jüdischen Passagiere Wilfried Böse wütend die Nummer auf seinem Unterarm entgegenstreckte erwiderte dieser ungerührt er sei kein Nazi, sondern Idealist. Ein echter Israelkritiker eben.