Die Grundversorgungsanstalt RBB, die bereits schon durch die Beschäftigung und den Umgang mit so ausgewiesenen Qualitätsjournalisten wie Ken Jebsen ein sicheres Gespür für gepflegte Publizistik und investigative Techniken  besitzt hat nun ihren Stammkommentator Henryk M. Broder den Sendeplatz verweigert und stattdessen ein Interview mit Jakob Augstein geführt. Schon die Anmoderation wäre für sich genommen ein Skandal. Der arme Augstein stünde wegen der Antisemitenkeule schließlich vor dem gesellschaftlichen Aus. Dass ich nicht lache. 

Wir erinnern uns. WDR-Chefredakteur Schönenborn proklamierte die Kopfsteuer zur Finanzierung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks zur “Demokratie-Abgabe”. Das war nicht nur eine Anmaßung sondern mehr als nur ein Symptom dafür, dass in den Funkhäusern von ARD und ZDF eine Realität wahrgenommen wird, die mit der Wirklichkeit derjeniger, die sie finanzieren,  nicht mehr viel zu tun hat.

Man könnte mit Schopenhauer von einer “Welt als Wille und Vorstellung” philosophieren. Doch das wäre viel zu trivial. Denn unsere Qualitätsjournalisten brauchen den empirischen Test und das Scheitern an der Realität nicht zu fürchten, weil sie in einer Scheinwelt und in Symbiose mit Armutslobbyisten, dem ökölogisch-industriellem Komplex und der Politik leben, bei der längst nicht mehr klar ist, bei der die Gesellschaft den Wirt spielen darf.

Wahrheiten werden geglaubt und gepredigt aber sicher nicht recherchiert oder gar hinterfragt. Und pikanterweise wenden die Öffentlich-Rechtlichen Demokratie-Abgeber genau die Praktiken an, die sie Broder vorwerfen: Sie stigmatisieren, schließen aus. Im gepflegten Kultur-Talk hebt dann einer die Finger “ich sage nur Sarrazin” und schon wissen alle bescheid. Gegen diese Wirklichkeitsverzerrer ist Horst Schlämmer Pulitzer-Preis-verdächtig.

Wir leben mittlerweile in einem neuen Mittelalter, in dem die Ketzer wenigstens (noch)  nicht gefoltert und die Hexen noch nicht verbrannt werden. Man nimmt ihnen die von der Gemeinschaft finanzierten Sendeplätze und schweigt sie und ihre Argumente in der öffentlichen Debatte tot. Die restlichen Edelfedern in den Redaktionsstuben der Rest-Presse stimmen in dieses Schweigen beredt ein.

Dazu passen auch die Augsteinschen Einlassungen über seinen Kontrahenten im RBB-Interview: Er habe ja gar keine persönlichen Probleme und könne mit Broder ja auch noch ein Bier trinken. In der Öffentlichkeit sei der jedoch nicht zurechenbar. Ich sage nur Sarrazin.

Der Standesdünkel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks übertüncht die Tatsache, dass seine gefühlte Wirklichkeit zwar teurer produziert ist wie die Scripted Reality des Unterschichtenfernsehens. Das Ergebnis bleibt aber genauso billig, auch wenn es von besser gekleideten Intellektuellen auf Ledersofas ausgedacht wird. Mit Realität oder Wahrheit hat beides nichts zu tun.