Nein, hier ist nicht davon die Rede, dass ein Finanzminister außer Diensten auf Vortragsreisen Kasse machte, weil man sein Unterhaltungspotential schätzte. Schließlich, so dachte selbst er bis vor einem Jahr, hatte der Mann seine politische Zukunft schon hinter sich. Es sei ihm gegönnt und die billigen Manöver der Regierung, den Mann sturmreif zu schießen, könnten sich alsbald als Boomerang erweisen. Der wahre Skandal liegt irgendwo anders.

Natürlich ist es der Rede wert, wenn der SPD-Vorstand einem noch einzuberufenen Parteitag vorschlagen will, einen bestimmten Politiker zu ihrem Spitzenkandidaten zu machen, der dann vermutlich im September 2013 die Landesliste Nordrhein-Westfalen anführen dürfte.

Und es ist sicherlich auch im Interesse der Öffentlichkeit, zu wissen, wofür der Mann steht und meinetwegen auch, wie der Mann ausserhalb der Politik noch sein Geld verdient. Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender aber binnen 10 Tagen mindestens fünf Sendeplätze räumen, um dem Mann in der Prime-Time exklusive Selbstdarstellung zu gönnen, kann man wohl eher von einer Kampagne und weniger von der Verhältnismässigkeit der Mittel sprechen.

Als am letzten Freitag die Kandidatur adhoc verkündet wurde, war das ARD und ZDF jeweils eine Brennpunkt-Sendung wert, obwohl die Nachricht den ganzen Tag schon durch alle Nachrichtenprogramme genudelt worden war und es eigentlich keinen zusätzlichen Erläuterungsbedarf gab. Die Nachrichten, dass in Syrien Menschen sterben oder im Iran nach der Revolution von 2009 das erste Mal wieder Menschen auf die Strasse gingen, rangierte allenfalls unter ferner liefen.

Am Montag dann gab es mit dem Bundestagsabgeordneten, der als Kanzlerkandidat keinerlei verfassungsrechtliche Funktion hat und auch für kein Amt nominiert ist, sowohl in der ARD als auch beim ZDF jeweils zwei ausserplanmässige Interview-Sendungen. Und das auf einem Sendeplatz, auf dem man sonst nur leicht Bekömmliches als auch Triviales serviert wird. Da scheint es nur am Rande erwähnenswert, dass auch noch “Hart aber Fair” die Kandidatur zum Thema machte, auch wenn der Kandidat allenfalls in Einspielern vorkam. Wie gut dass das “Erste” auch noch ein Steinbrück-Portrait im Archiv hatte, das über das Wochenende rasch umgeschnitten und aktualisiert gleich noch kurz vor Mitternacht versendet werden könnte. Den vorläufigen Abschluss der Steinbrück-Tage machte dann Günther Jauch, der Steinbrück gestern exklusiv in seinen Schöneberger Gasometer lud: Unterhaltungswert zweifelsohne gegeben, Erkenntniswert Null. Und das am Vorabend des Inkrafttretens des Rettungsschirms, der nach meiner Erinnerung nicht einmal Erwähnung fand.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Das Bohai um die Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers im Jahre 2002 war nicht weniger umfangreich. Wenn man gekonnt hätte, wären sicherlich auch beim Frühstück in Wolfratshausen Übertragungswagen dabei gewesen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist der Parteien fette Beute. Sie lassen sich durch Zwangsgebühren ein Propaganda-Instrumentarium mit 8 Mrd. Euro finanzieren, das ihnen kostenlos zur Verfügung steht. Das ganze wird kaschiert durch einen “Grundversorgungsauftrag”, der durch so intellektuell anspruchsvolle und vom Bildungsgehalt getragene Sendungen wie “Wege zum Glück” oder “Rote Rosen” oder den überteuerten Einkauf von Sportrechten kaschiert werden soll.

Das ist der wahre Skandal.