Jakob Augstein, der Heinrich von Treitschke unter den Medienmachern, hat zu den Gewalttaten rund um den „Mohammed-Film“ ein verschwörungstheoretisches Pamphlet abgeliefert, das die Infamie des viel gescholtenen islamophoben Snuff-Videos aus Kalifornien locker in den Schatten stellt. Man liest gerade zu Israel und den USA viel Uninformiertes und schlecht Recherchiertes in unseren Qualitätsmedien, aber ein derart ekelhafter Beitrag ist mir schon lange nicht mehr unter die Augen gekommen. 

Im Stil der Ufogläubigen und Illuminatenexperten, die in den hintersten Winkeln des Internets ihre paranoiden Ergüsse zum Besten geben, fragt Augstein ganz unverfänglich Cui Bono? Doch bevor er diese rhetorische Frage beantwortet stellt er erst einmal klar, wer die wahren Opfer der Gewaltorgien in Nahost sind:

Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen, in Ländern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Aber die Brandstifter sitzen anderswo. Die zornigen jungen Männer, die amerikanische – und neuerdings auch deutsche – Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa.

Dann fragt er in aller Unschuld:

Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen.

Doch wer könnte das nur sein, wenn es offenbar nicht der islamistische Mob ist?

Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.

Weil er gerade so schön in Fahrt ist fragt Augstein einfach in bisschen weiter:

Kann man sich vorstellen, dass der kriminelle Kopte, der sich das vermutlich im Gefängnis ausdachte und seine Crew ohne ihr Wissen dafür missbrauchte, in anderem als im eigenen Auftrag handelte? Zumindest traut man den Fundamentalisten im Lager der US-Republikanern und in der israelischen Regierung zu, die unerwartete Schützenhilfe politisch auszunutzen – was sie auch tun.

Augstein ist ein astreiner Antisemit, der ohne jeden Beleg insinuiert, dass es sich bei dem idiotischen Filmchen nicht um eine innerarabische Angelegenheit, sondern um eine israelische Intrige handelt. Und nicht nur das: Er dreht den Israelis auch noch einen Strick daraus, dass sie immer wieder vor einer weiteren Destabilisierung der Region durch islamistische Regime und Gruppierungen gewarnt haben – und Recht behielten.

Zu Augsteins Täter-Opfer-Umkehr ist zu sagen: Nicht die enthemmten Mörderbanden von Al Kaidas Gnaden sind die muslimischen Opfer in diesem schmutzigen Spiel, sondern die Muslime, die sich einen Islam wünschen, der besser mit Demokratie und Menschenrechten zu vereinen ist als die real existierenden Versionen dieser Religion. Dank Rassisten wie Augstein wird die Sprache viel zu selten auf sie kommen. Stattdessen wird sich wie immer alles um die Dummen und Brutalen drehen, denen kein Anlass zu nichtig ist, um in einen mörderischen Beleidigungsrausch zu fallen. Augstein und Konsorten ist das ganz recht. Sie werden darauf bestehen, dass die Islamfaschisten die „wahren Muslime“ sind, mit denen man den Dialog suchen muss. Schließlich sind diese reaktionären Terroristen ihre Brüder im Geiste. Antisemitismus, Hass auf den Westen und Ablehnung liberaler Werte verbindet offenbar über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg.