Ich schaue keine politischen Talk-Shows mehr. Um den Gehalt mitzubekommen reicht meist die Kritik in der Online-Presse. Heute offenbart Frank Lübberdings seine  sozialdemokratische Sicht auf die Welt, macht einen Kardinalfehler und entmündigt das Individuum:

In der gesetzlichen Rentenversicherung wurden im vergangenen Jahr 225 Mrd. € an Renten ausgezahlt. Um die gleiche Rendite bei einem durchaus ansehnlichen Zinssatz von 5 % zu verdienen, benötigte man einen Kapitalstock von 4,5 Billionen €. Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands, also die Summe der Wertschöpfung, betrug 2,5 Billionen €.

Das ist eine plausible Rechnung. Nur leider ist sie falsch. Denn zunächst einmal ist die gesetzliche Rentenversicherung nicht Ergebnis einer Verzinsung sondern einer Umlage. Und sie ist dynamisch. Umlage bedeutet, dass die heutigen Renten von den heutigen Einzahlungen finanziert werden. Und deshalb ist die Höhe der Rente an die Höhe des jeweiligen Netto-Einkommens gebunden und nicht an das eigentliche Einkommen des Rentners. Das nannte Adenauer dynamisch.

Und noch etwas ist schief im Vergleich des FAZ-Redakteurs: Bald die Hälfte der Rente wird vom Staat finanziert. Und der macht nicht zuletzt deshalb Schulden. Mittlerweile macht die Rentenversicherung rund 80 Mrd. € aus. Das ist auch keine Rendite.

Noch lustiger ist allerdings die Begründung, mit der der FAZ-Autor die umlagefinanzierte Rente rechtfertigt:

Es gibt kein soziales Sicherungssystem, das mehr auf Vertrauen angewiesen ist als die Alterssicherung. Den Grund findet man vor allem im Zeitfaktor. Entscheidungen in der Rentenpolitik wirken bisweilen erst mit großer Verspätung. Und junge Menschen, so eine beliebte Theorie, sollen ihre Lebenssituation Jahrzehnte später im Blick haben. Einen solchen Zeithorizont zu entwickeln, überfordert allerdings zumeist das Individuum. Aus dem Grund müssen moderne Gesellschaften Strukturen schaffen, die dem Bürger diese Verantwortung abnehmen. Rentensysteme sind daher nichts anderes als die Reduzierung von Unsicherheit. Die Autorin Katja Kullmann (42 Jahre alt) sprach bei Anne Will von der „Planungssicherheit“, die der Sozialstaat der alten Bundesrepublik ermöglicht habe. Sie sei mittlerweile verloren gegangen.

Das ist sozialdemokratische Entmündigungsrhetorik in Reinkultur. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Der Politiker wird für Gesetze und Handlungen, deren Vorteilhaftigkeit bestraft: Bestes Beispiel ist die Abwahl der Rot-Grünen Koalition im Jahr 2005. Die positiven Effekte der großspurig “Agenda 2010” genannten Miniaturreform des Arbeitsmarktes stellten sich erst ungefähr 2008 ein und verhalfen Merkel zum Wahlsieg.

Viele Bürger sorgen selbstverständlich für ihre Zukunft im Alter. Sie vertrauen schon lange nicht mehr auf die “gesetzliche Rente”. Sie haben Lebensversicherungen abgeschlossen, die durch die Inflationierung der Zentralbanken an Rendite einbüßen. Aber sie haben auch Aktienfonds und Staatsanleihen, in eine Immobilie investiert und sie erhalten im Alter eine Betriebsrente. Nachdem in unserer Gesellschaft erstmals seit Jahrhunderten – noch – keine Hyperinflation und keine Vermögensvernichtung durch einen Krieg stattfand, wird auch kräftig vererbt. Und von den Zinsen und Erträgen kann man meist sein Alter versüssen, ohne die Substanz zu verbrauchen.

Das alles hat auch Supernanny Uschi von der Leyen nicht auf dem Zettel, wenn sie von der beitragsfinanzierten Zusatzrente fabuliert. Sie greift auf einen alten Trick zurück. Und verschleiert durch die “Beitragsfinanzierung” die wahren Kosten der Veranstaltung. Denn erstens werden ja “Arbeitgeberbeiträge” gezahlt, die bei genauem Hinsehen aber vom Arbeitnehmer erarbeitet worden sein müssen.

Und zweitens lässt sich durch eine moderate Anpassung der Beitragssätze ein solches Geschenk geschickt versteckt finanzieren. So kann sie sich wieder als die heilige Ursula der Schlachthöfe gerieren, die nicht nur ihre eigene Brut bemuttert,

Was auf den ersten Blick nicht zusammen gehört, passt auf den zweiten. Es geht um die Frage, ob der Mensch über sich selbst bestimmen darf. Oder ob vermeintlich wohlmeinende Politiker über sein Schicksal bestimmen, die doch eigentlich nur die eigene Wiederwahl im Auge haben. Oder mehr.