“Sind Sie zufrieden” fragt der leitende Polizeibeamte die Initiatorin des Facebook-Kippa-Flashmobs Sarah Nurit. Die Beamten hatten sich zuerst sehr distanziert gezeigt und später der fröhlichen Ansammlung von alten und jungen Menschen, von denen auffällig viele selbstbewußt mit einer Kippa über den Kudamm schlenderten, gerne den Weg geebnet. Die Menge war immerhin so groß, dass Hernyk M. Broder mir darin nicht auffiel. An der zweiten Kreuzung schon stellte sich ein Polizist auf die Strasse, um die bei grüner Ampel aufgeregt hupenden Autos zu besänftigen, an der dritten stellte sich der Mannschaftsbus mit blitzendem Blaulicht schützend vor die Teilnehmer des Shabbat-Sparziergangs, während sich die Leute geschwätzig unterhielten und den verwirrten Gesichtern in den Biertempeln ein fröhliches Schabbat Schalom entgegenschleuderten. Der dpa-Reporter, der allseits zitiert wird, machte aus dem fröhlichen Ausflug einen Trauermarsch und die selbstbewussten Juden zum multiplen Opfer der ekligen Schläger, die am Dienstag einen Rabbiner schwer verletzt hatten. Und verdrehte den Auftritt mündiger Bürger zu einem Zug der Opferlämmer. 

Widersprüchlich  ist dabei seine Mitteilung, nach Auskunft der Polizei sei die Veranstaltung “friedlich geblieben”. Können schweigende Sparziergänger schlägern. War davon auszugehen, dass ein paar Juden sich am Tauentzien auf einen arabisch aussehenden  Jugendlichen stürzen würden oder einer Muslima das Kopftuch vom Schädel ziehen würden?

Auf den ersten Blick offenbart sich, dass ein Schreibtischtäter nach ein paar routinemässigen Fragen nach einem Anruf bei der Pressestelle der Berliner Polizei seine Meldung verfasst hat. Immerhin ist die Journaille ja zeitgeplagt von den Sparmaßnahmen ihrer Branche und dem armen Mann mit Wochenendienst stand ja auch noch die Verarbeitung der Hooliganszene am Bundesliga-Spieltag bevor.

Tatsächlich zeigt die unscheinbare Meldung und ihre bundesweite Reproduktion doch das bestenfalls unentspannt zu nennende Verhältnis der Main-Stream-Medien zum jüdischen Leben in der Republik. Dass das normale, fröhliche, vielleicht ein wenig verschmitzte und selbstbewusste Menschen sind, die sich auch von ein paar Konvertiten nicht die Kippa vom Kopf nehmen lassen, passt nicht in die Vorstellungswelt der verklemmten Deutschen, die ihren klammheimlichen Antisemitismus geschickt hinter der “Nie wieder Auschwitz” Monstranz verstecken und dem Juden als solchen an sich nicht trauen, ohne im Zweifel einen zu kennen.

Anders als allseits behauptet, hat die deutsche Öffentlichkeit das 1000 jährige Reich nämlich nie “bewältigt”. Sondern sich mit allerlei Selbsttäuschungen und auferlegten Büsserhaltungen vor den Fragen geschützt, wie man sich selbst verhalten hätte, wenn man in die Lage der Väter und Großväter gekommen wäre. Dabei haben sich gerade die Achtundsechziger besonders mit der Hypothese hervorgetan, sie wären die besseren Menschen gewesen, um in der Realität mit dieser moralischen Keule das Gegenteil unter Beweis zu stellen.

Das fröhliche Häuflein, dass zuletzt am Wittenbergplatz auch noch mit einem Lächeln auf den Lippen fröhliche Lieder anstimmte, ist Teil meiner geringer werdenden Hoffnung, dass es Menschen gibt, die das einfache Zeichen dieses Flashmobs verstanden haben: Wir überlassen dem Mob nicht die Strasse.