Dass das Mitglied der  Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung über Einladungen zum Abendessen berichtet, bei denen er eben nicht eingeladen war, ist journalistisch eine Petitesse. Nicht einmal unsere Edelfedern können es sich leisten, überall dort zu sein, wo es etwas spannendes zu berichten gibt. Was mehr als nur peinlich ist, ist die persönliche Nähe, die die moralische Instanz des “Presseclubs”  sich zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts andichtet, um seine Lobhudelei ein wenig auszuschmücken und seinem Geschreibsel künstliches Gewicht zu verleihen. .  Zwar hat Prantl im Anschluss eine Entschuldigung ausgesprochen, dies aber erst nach einem halbgaren Rechtfertigungsgeschwafel. Das stellt wieder einmal die Frage, ob man in den Redaktionsstuben dieselben moralischen Ansprüche an sich anlegt, die man zur Beurteilung und Kommentierung der restlichen Welt benutzt. Und da hat man bei der Süddeutschen schon mal daneben gelangt.

Erinnert sei an Deutschlands führenden “investigativen” Journalisten Hans Leyendecker, der ebenfalls zur Führungsriege der “Süddeutschen” gehört und seine Karriere einer politisch geschaffenen undichten Stelle bei der Bonner Staatsanwaltschaft in den Achtziger Jahren verdankt. Damals stand Otto Graf Lambsdorff, der “Architekt der Wende” und somit der Totengräber der bei Intellektuellen so geliebten sozialliberalen Koalition wegen eines vermeintlichen Parteispendenskandals vor Gericht und Leyendecker zitierte allmontäglich seitenweise aus den Ermittlungsakten der von der jahrzehntelangen NRW-SPD-Klassenjustiz. Und das über einen Straftatbestand, der noch gar nicht erfunden war, als Lambsdorff seinerzeit die Spenden entgegennahm. Nicht zu seinem eigenen Vorteil, sondern zu gunsten der FDP-Kasse, für die er als “Schatzmeister” verantwortlich war. Alle anderen haben nichts anderes gemacht und kamen mit einem Strafbefehl davon, Lambsdorff kriegte ein Tribunal, zu dessen Wirksamkeit Leyendecker maßgeblich beitrug.

Als Stefan Aust Spiegel-Chef wurde, wechselte Leyendecker zur Süddeutschen, deren Chefredakteur der vormalige Spiegel-Chefredakteur Kilz war. Als öffentlich wurde, dass Helmut Kohl ein paar Millionen Parteispenden anonym entgegen genommen hatte, war Leyendecker gern gesehener Gast in Talk Shows. Und sein Urteil ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig:

Strafrechtlich bedeutet das gar nichts, politisch-moralisch dagegen eine ganze Menge. Man muss sich erinnern, was der Parteispendenskandal bedeutete: Gelder am Fiskus vorbeigeschleust, staatstragende Parteien haben sich um eine Amnestie bemüht, um da herauszukommen, und haben geschworen, dass es künftig sauber und anständig zugeht. Und nun haben wir doch wieder so ein Mischsystem, in dem man die Herkunft von Geldern nicht erkennen kann.

Gemeinsam mit seinen Redaktionskollegen machte er aus dem Parteispendenskandal Nummer zwei diesmal einen ordentlichen Reibach:

Hans Leyendecker, Heribert Prantl, Michael Stiller:Helmut Kohl, die Macht und das Geld. Steidl Verlag, Göttingen 2000, ISBN 3-88243-738-3.

Da ließ sich das von der Süddeutschen finanzierte Recherchematerial gleich nochmal zweitverwerten. Nachhaltig gewirkt kann der selbstrecherchierte Inhalt kaum gewirkt haben.

Denn bei der Gründung des ominösen Edelfedern-Club stand Leyendecker auf und bot eine Million (Nicht 100.000 wie ich einst schrieb) DM eines anonymen amerikanischen Spenders an. So schmerzfrei muss man erstmal sein. Heute stellt Leyendecker die Sache anders da als das Protokoll der Versammlung. Er habe den Spender bewegen wollen, seine Anonymität aufzugeben. Da verfährt der Verband mit den Zuwendungen von ING DIBA, RWE und der IG-Metall-eigenen Otto-Brenner Stiftung anders. Hier sind die Förderer bekannt. Wirklich unabhängig sei halt keiner.  Leyendeckers Angebot war dem Club 2001 zu heiß, obwohl Netzwerk-Gründer Leif, im Hauptberuf SWR-Chefreporter und verantwortlich für ein gnadenloses Propaganda-Stück über die kapitalistischen Medien (kapitalistisch und Gewinnerzielungsabsicht ist im Kosmos der Edelfedern immer die Lagform von BÖSE) noch ein paar Mal versuchte, seinen Kollegen die Leyendecker-Million schmackhaft zu machen. Stellt sich nur die Frage welcher amerikanische Leyendecker-Freund bereit war, eine satte Million in den verarmten deutschen Qualitätsjournalismus zu stecken. Die Nähe zu den “jüdischen Vermächtnissen” von Schweizer Nummernkonten der hessischen CDU – davon war seinerzeit auch gerade die Rede – ist nicht zu übersehen.

Dass dieser Club sich von der Bundeszentrale für politische Bildung fördern ließ und obendrein die Facilitäten des Kongreß-Zentrums des aus Zwangsgebühren finanzierten NDR sicherlich nicht zu einer ortsüblichen Vergleichsmiete nutzte, wurde hier ja schon berichtet. Weil sich herausstellte, dass die 75.000 Euro Staatsgeld pro Jahr von Leif zu Unrecht erschlichen wurde, zahlte das Netzwerk zurück und die Staatsanwaltschaft ermittelte. Und der transparente kommissarische Vereinsvorsitzende Leyendecker zeigte in einer email seine Kooperationsbereitschaft mit der Staatsanwaltschaft eindrucksvoll hinsichtlich eines Berichtes von ihm gut bekannten Wirtschaftsprüfern, die er in folgende Worte kleidete:

„Die Staatsanwaltschaft hat einen AR-Vorgang (Vorermittlungsverfahren, die Red.) angelegt und wartet die Prüfung ab. Sie bekommt den Bericht aber nur dann, wenn sie Druck macht und mit Durchsuchungen droht. Vielleicht verschläft die Staatsanwaltschaft den Vorgang.“

Das hatte ausgerechnet die Blöd-Zeitung herausgefunden, über die der Mann in einem Interview mit dem gediegenen Deutschland-Radio Kultur folgende Worte fand:

Leyendecker: Also ich bin für alle Schläge der “Bild”-Zeitung dankbar, denn ich habe immer über die “Bild”-Zeitung das gesagt, was ich für richtig halte, dass es ein Drecksblatt ist, ein Lügenblatt, und von daher verstehe ich, dass die “Bild”-Zeitung solche Geschichten macht. Man muss den Vorgang nur unseren Hörern erklären: Der Vorgang ist so, es gab noch kein Ermittlungsverfahren.

Ein knappes halbes Jahr später, lehnte er es ab, gemeinsam mit den Bild-Redakteuren, die den Bundespräsidenten aus dem Amt gejagt hatten, mit dem Henri-Nannen-Preis für eine Geschichte über den Formel 1 Skandal der Bayern LB ausgezeichnet zu werden:

Der Skandal um die Nicht-Annahme des Henri-Nannen-Preises durch Hans Leyendeckererhitzt weiter die Gemüter. Das 2001 von Leyendecker mitgegründete Netzwerk Recherche hat dem Ober-Aufdecker der “Süddeutschen Zeitung” jetzt erwartungsgemäß den Rücken gestärkt und die Auszeichnung der “Bild”-Zeitung in der Kategorie “Investigative Recherche” heftig kritisiert.

Die Auszeichnung der “Bild”-Zeitung zeige einmal mehr, dass der Jury des Nannen-Preises ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien fehle, urteilt das Netzwerk Recherche. Im Fall der “Bild”-Zeitung werde die beste investigative Leistung mit einem erfolgreichen “Scoop” verwechselt.

So sei die Aufdeckung der Hintergründe um den Privatkredit des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff durch die “Bild”-Zeitung zwar “verdienstvoll und richtig” gewesen. Allerdings bedeute investigatives Arbeiten nicht, “eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren oder von anderen Medien möglichst oft zitiert zu werden”. Vielmehr gehe es darum, “ein gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und sie verständlich zu präsentieren”. Nach diesen Kriterien sei die “Bild”-Geschichte nicht die beste investigative Leistung des vergangenen Jahres gewesen, erklären die Vorsitzenden des Netzwerks Recherche, Oliver Schröm und Markus Grill.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Die Jury besteht übrigens aus den üblich verdächtigen Chefredakteuren von Spiegel bis FOCUS, nur BILD-Chef Kai Diekmann war nicht dabei.  Leyendecker selbst bleibt sich wenigstens treu:
„Wir möchten mit ,Bild‘ nicht in einer Kategorie ausgezeichnet werden und möchten den Preis nicht annehmen”, so Leyendecker zu Moderatorin Judith Rakers. Gegen die “Bild”-Kollegen richte sich die Entscheidung aber nicht, so der “SZ”-Mann. Sondern gegen das Jury-Urteil.
Anders als beim Drecksblatt ist es übrigens bei der SZ ganz gemütlich:
Die Zeitung sei ein „Biotop“ für unterschiedliche Charaktere, die dort Dinge, die  sie machen wollen auch machen könnten. In dieser Hinsicht seien die Arbeitsbedingungen hervorragend. Die Ausstattung sei allerdings nur „na ja“.
Und was anderes hat ja auch Prantl gar nicht gemacht. Nur Dinge, die er machen wollte. Zu dumm, dass einem Spiegel-Mann der Henri-Nannen-Preis für eine mit Prantls Küchen-Kabinett-Geschichten vergleichbare Geschichte aberkannt wurde. Er hatte bildreich beschrieben, wie sich Horst Seehofer im Hobby-Keller die Schaffner-Mütze auf den Kopf setzt, um am Trafo seiner elektrischen Eisenbahn zu drehen. Der Reporter war nie dort. In die Verlegenheit den Preis abzulehnen, weil er ihn mit jemanden teilt, der sich der Süddeutschen als unwürdig erweist, kommt Prantl diesmal also nicht.