Das Kalkül ist aufgegangen. Pünktlich zum jüdischen Pessach- und christlichen Osterfest in der sauren Gurkenzeit veröffentlicht der greise Grass sein Gedicht und der virtuelle Blätterwald erschaudert. Selbst die Freunde von der Achse lassen sich verführen und bestreiten über die Feiertage ihren Betrieb fast gänzlich mit der Promotion des Buchstabensalats, der tot geschwiegen gehört. 

Die Berechenbarkeit der verschiedenen Erregungszustände des Publizistik-Betriebes macht die Angelegenheit dabei so langweilig. Letztlich ist der Gegenstand vollständig egal. Das jeweilige Reizwort provoziert Aufmerksamkeit, Quote und Klicks. Und das bringt Geld. So finanziert Grass seine Kritiker.

Der Reflex des Intellektuellen führt in der Facebook-Diktatur des Augenblicks zur Verhinderung der Reflexion. Und zu einer Spirale der Erregungszustände, denn schließlich muss jeder zur Erhaltung seines Marktwertes einen noch drastischeren und noch originelleren Gedanken und eine noch plastischere Formulierung finden.

Grass liefert die selbst. Und die Redaktion der Süddeutschen wusste, dass die nicht einmal bedenkenswerte “Dichtung” vom israelischen Erstschlag gegen den Maulhelden Furore macht. Und das freut die Geschäftsführung, weil es Umsatz bringt und das Münchner Qualitätsmedium  in der Quotierungshitparade näher an die Blöd-Zeitung rückt.

Grass erfüllt somit die Funktion eines Lübecker Fukushimas in der Erregungsdemokratie (Sloterdeik). Seine  intellektuelle Kernschmelze verursacht nicht einmal Kollateralschäden sondern führt allenfalls zur Verstrahlung der veröffentlichten Meinung und verschafft den CvDs über die Ostertage Traffic, der ihnen die Entscheidung erleichtert, ob sie nun über Rösslers-Westerwelle-Kritik oder die sexuell diskriminierenden Piraten an die erste Stelle setzen. Gottt sei dank gab es noch einen BMW bei dessen unsanfter Berührung mit mehreren Bäumen vier Menschen starben.

Grass triumphiert nur scheinbar grummelnd. Seine eitle Altersgeilheit nach Wahrnehmung ist befriedigt. Sonst hätte er doch Gründonnerstag keine Gelegenheit gehabt, sich stundenlang in 3Sat Kulturzeit, ZDF-Heute, ZDF-Heute-Journal und der ARD-Tagesschau interviewen zu lassen. Und das auch noch live. Da schauen die Nachbarn, wenn der Auftrieb der Journaille fast an die Publizität des Nobelpreises heran reicht, bis zu dem die Wehrpflicht in der Waffen-SS unbedingt verschwiegen musste, damit der auch noch eingesackt werden konnte.

Die deutsche Medienlandschaft ist arm an Geist und kann von einer so berechenbaren Größe wie Grass immer noch manipuliert werden.

P.S.: Auch ich bin der Versuchung nicht erlegen. Mit einem Stück über die Gefahr der iranischen Atomrakete kriegt man einfach viel weniger Traffic auf die Seite. Von ökonomischen Themen ganz zu schweigen.