Alexander Neubacher arbeitet beim Spiegel und darf jetzt, nachdem der stete Tropfen der Ökologismuskritiker den Stein Mainstreams langsam erodiert hat, ein Buch über den grassierenden Bioblödsinn schreiben. Das ist zwar ein bisschen durchschaubar und viele seiner Erkenntnisse dürften FdoG-Lesern nicht neu sein, aber eigentlich kann man sich über prominente Verstärkung in Sachen Ökowahnkritik nur freuen. So dachte ich zumindest, bevor ich seinen Artikel über „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability) auf SPON las. 

Der typische Loha ist Akademiker, verdient gut, lebt in einer Altbauwohnung, wählt Grün, kauft möglichst nur Bio-Produkte und entspannt sich bei Klangschalenyoga. Mülltrennung ist seine Religion und der Atom-GAU seine Urangst. Genüsslich schildert Neubacher, wie sich die ökologisch korrekte Upper-Class von der nur durch ihre Nachfrage genährten Biokistenbranche teures Ökogemüse ins Haus liefern lässt. Wenn der Biolieferant zweimal klingelt kann auch die ganze Nachbarschaft sehen, dass man nachhaltig konsumiert und vor allem das nötige Kleingeld dafür übrig hat.

Da kann man nur sagen: Na und? Die Leute haben Geld und geben es für die Dinge aus, die ihnen wichtig sind, in diesem Fall gutmenschliches Statusgeprotze. Was dem einen sein Ferrari sind dem Loha eben seine handgepflückten Bio-Äpfel. Und wenn dabei noch ein paar Jobs für Niedrigqualifizierte rausspringen, umso besser.

Doch das sieht Naubacher offenbar ganz anders:

Für Lohas ist Kaufen von großer Bedeutung. Sie glauben, dass ihre Konsumentscheidungen Folgen haben, die weit über den Augenblick hinausreichen. Lohas kaufen nur solche Produkte, die hohe ethische Standards erfüllen. Wegwerf- und Einwegprodukte werden gemieden. Am besten, Aldi würde öko und Kik wäre weg vom Fenster.

Es lebe die Marktwirtschaft! Anstatt Fenster einzuschmeißen und Autos abzufackeln wird mit dem Geldbeutel protestiert und die Welt dadurch ein kleines bisschen besser gemacht.

Der Einzelhandel hat sich voll auf die Wohlfühl-Kundschaft eingestellt. Im Prenzlauer Berg gibt es ein Babymodengeschäft namens “Wunschkind”, ein Schuhgeschäft namens “Goldmarie”, einen Hutladen namens “Glücksfilz” und das Eiscafé “Kauf dich glücklich”.

Das nennt man Angebot und Nachfrage. So what?

In Berlin fand auch der erste deutsche Carrotmob statt, organisiertes Einkaufen für Menschen, die damit die Welt verbessern wollen. Einige Dutzend Leute hatten sich über Facebook zum Großeinkauf in einem Berliner Supermarkt verabredet.

Der Filialleiter des Berliner Supermarkts freute sich jedenfalls über die Kundschaft. Befürchtungen, die Carrotmobster würden das Tohuwabohu ausnutzen, um zu klauen, stellten sich als übertrieben heraus. Auch die Organisatoren waren zufrieden.

So muss es sein. Anstatt nach staatlicher Regulierung in Form einer Öko-Obst Quote für den Einzelhandel zu schreien setzt man auf die Macht des Konsumenten, und zum Schluss stehen alle besser da. Ein schönes Beispiel für das segensreiche Wirken von Marktmechanismen, doch was mich als Liberale erfreut ist Neubacher offenbar suspekt. Für ihn sind die Lohas Pharisäer, die ihre Hingabe an den Ökologismus nur heucheln. Ihnen gehe es gar nicht um die Umwelt, sondern „um sich selbst“, nicht um „Weltverbesserung“, sondern um „Selbstverwöhnung“. Und dann kommt die größte Keule von allen:

Die Mitgliedschaft in der Lohas-Bewegung muss man sich in der Tat leisten können. Nicht jeder ist finanziell in der Lage, 92 Euro für einen Krauthobel aus unbehandeltem Buchen- und Fichtenholz von Manufactum auszugeben. Auch die handgenähten Maßschuhe sprengen bei einigen das Monatsbudget, so nachhaltig sie auch sein mögen.

Die Lohas sind „Reiche“ und damit qua definitionem vom linksgrünen Himmelreich ausgeschlossen. Und nicht nur das, sie sind außerdem sauerstoffschmarotzende und energiefressende Umweltschädlinge – so wie wir alle:

Der aufwendige Lebensstil der Lohas machte all ihre Einsparungen zunichte. Ihre großen Wohnungen, ihre schönen Reisen und ihre Konsumgewohnheiten konnten durch Energiesparbirnen und Krauthobel aus Naturholz nicht ausgeglichen werden.

Jetzt ist es raus: Echte Ökologisten sind Asketen, die im Schweiße ihres Angesichts und beim Schein selbstgezogener Kerzen wurmzerfressene Rohkost lutschen. Wer das Leben genießt, Freude an gutem Essen und schönen Dingen hat und sich das auch noch leisten kann, der ist es in den Augen des gestrengen Ökopietisten Neubacher nur ein armer Sünder, den selbst der Erwerb einer Solaranlage nicht aus dem Stand der Verdammung erretten kann.

Wie dagegen der perfekte homo oecologicus auszusehen hat teilt uns Neubacher auch noch mit:

Dagegen vorbildlich: die arme, alleinstehende Rentnerin. Sie ist die wahre Ökoheldin, wenngleich nicht freiwillig. Sie lebt bescheiden auf anderthalb Zimmern, hat sich seit Jahren keine neuen Möbel angeschafft, besitzt natürlich kein eigenes Auto und nimmt höchstens mal an einer Kaffeefahrt teil. Zu mehr reicht das Geld nicht. Das mag sie schade finden. Aber für die Umwelt ist sie ein Segen, auch wenn sie von “Lohas” noch nie gehört hat.

Neubacher ist kein Ökologismuskritiker, er ist selbst gläubiger Anhänger dieser Sekte. Sein Ziel ist nicht Aufklärung, sondern die Missionierung derjenigen Schäfchen, die durch die Versuchungen der Marktwirtschaft vom grünen Pfad der  tugendhaften Konsumverweigerung abgekommen sind. Zudem ist er ein Antiliberaler. Das Gewettere gegen die dekadente Reformhausbourgeoise erinnert ein bisschen an anti-bürgerliche Pamphlete aus sozialistischen Giftschränken. Ich für meinen Teil trinke lieber eine Bionade mit ein paar Lohas, als mir von Ökokommissaren wie Neubacher Verzicht als den rechten Weg zum real existierenden Nachhaltigkeitsparadies diktieren zu lassen.

Nachtrag: Bei Zettel wird man mit Neubachers „Ökokritik“ auch nicht warm.