Als geborener Düsseldorfer sollte man zu Kontroversen derjenigen, die hinter dem Eisernen Vorhang gelebt haben, schweigen. Ich weiß nicht zu sagen, wie und ob die Verhältnisse mich geprägt hätten und inwieweit ich mich mit dem System gemein gemacht hätte. Wenn aber die DDR-Dissidenten ihr früheres Handeln andersherum als moralische Monstranz vor sich hertragen, um den im Gesamtdeutschland auch als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde verdienten Präsidentschaftskandidaten und seinen Freiheitsbegriff mit der unterschwelligen Behauptung, er sei ja gar kein Bürgerrechtler gewesen,zu diskreditieren, muss man sich auch als “Wessi” aus der Ecke trauen:

Es ist ganz offensichtlich, dass nicht die kirchliche Friedensbewegung die DDR zum Einsturz gebracht haben. Das Land ist schlicht implodiert, weil der Kapitalstock aufgefressen war und die gesamte Volkswirtschaft nicht in der Lage war, das Volk mit den erforderlichen Gütern zu versorgen. Und die Russen hätten der Wiedervereinigung nicht zugestimmt, wenn sie am 09. November noch genug Sprit in den Panzern gehabt hätten, um von Karlshorst zum Brandenburger Tor zu fahren.

Das relativiert den Mut allderjenigen nicht, die gegen dieses System aufgestanden sind und sich in der DDR-Friedensbewegung seit Anfang der Achtziger Jahre engagierten, als Franz-Josef Strauß seligen Angedenkens der DDR mit einem Milliardenkredit eine Überlebensfrist von vielleicht fünf Jahren kaufte. Das erwies sich im Nachhinein als segensreich, weil beim Zusammenbruch nicht nur Strauß schon tot war: Mit Gorbatschow war ein Realist in Moskau am Ruder, der bemerkte, dass er genug damit zu tun haben würde, die Sowjetunion zusammen zu halten. Da konnte er nicht auch noch in die Satelliten seines Vorhofs mit Waffengehalt unten halten.

Auch die Wiederständler trugen ihren Teil dabei. Die Stasi, die in Wirklichkeit wahrscheinlich an der ordentlichen Verwaltung der Unmenge der Spitzelberichte, operativen Vorgänge und IM-Akten erstickte, wurde ordentlich beschäftigt und schließlich waren die Friedensgebete unangreifbare Ausgangspunkte der Montagsdemonstrationen, bei denen es allerdings schnell nicht mehr um Frieden und eine bessere DDR ging sondern um Freiheit, die Wiedervereinigung und die D-Mark.

Und am runden Tisch fanden sich viele wieder, die diese Bewegung, die ganz wo anders hinmarschierten, wie gewollt, angestoßen hatten, und organisierten ungewollt einen Übergang in ein vereintes Deutschland.

Denn eigentlich wollten gerade die Unterzeichner des Anti-Gauck-Apells keinen Beitritt zum Geltungsgebiet des Grundgesetzes sondern eine bessere DDR. Sie waren letztlich der Meinung, der Sozialismus sei keine schlechte Idee sondern nur schlecht gemacht. Verwundert und ein wenig beleidigt sahen sie der Vereinigungseuphorie zu, in der die Ostbürger vom Begrüßungsgeld Jacobs-Kaffee kauften und nach der Währungsunion koreanische Autos oder japanische Video-Rekorder. Oder umgekehrt.

Und die evangelische Kirche war ein merkwürdiges Zwitterwesen. Sie erkaufte Freiräume mit der Akzeptanz der friedlichen Koexistenz mit dem Spitzelsystem der DDR. Und wurde – wissentlich oder nicht – von ihm durchdrungen. Die tragische Figur eines Manfred Stolpe, der sich aus Pragmatismus korrumpieren ließ, ist ein beredtes Beispiel davon.

Wie gesagt, das ist kein moralisches Urteil, das steht mir als jüngeren Westdeutschen nicht zu, dem sich schon die Nackenhaare aufstellten, wenn er am Bahnhof Friedrichstraße in die Hauptstadt der DDR einreiste und sich dafür der spürbaren Willkür der Grenzbeamten einlassen musste. Deshalb habe ich zusammen genommen in diversen europäischen Ländern, den USA und Australien bis zur Wende mehr Zeit verbracht wie in der DDR.

Aber es bleibt eine Zustandsbeschreibung. Vera Lengsfeld nimmt sich die Anti-Gauckianer bei der Achse zur Brust:

Freiheit soll nach Wunsch der Anti- Gauck Autoren nicht etwas sein, dass sich der Einzelne erkämpfen kann. Individuelle Freiheit wird von ihnen als „Selbstermächtigung“ denunziert. Nein, Freiheit soll häppchenweise zugeteilt werden, je nach „Verfassung der Freiheit“, deren Voraussetzungen „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ sein sollen. Wie weit das gefasst wird, macht ein Interview klar, das Friedrich Schorlemmer parallel zur „Erklärung“ dem „Freitag online“ gab. Dort behauptet er allen ernstes, dass wer von Freiheit redet, auch vom „Wasser“ und vom „Wetter“ reden müsse. Wer die Freiheit aber vom unbeeinflussbaren Wetter abhängig macht, will keine Freiheit des Individuums, sondern eine „Freiheit“ deren Grenzen von einer h.c.- Elite bestimmt wird.

Und ihr Sohn weist in einem nicht minder klugen Text an gleicher Stelle darauf hin, dass wenn man mit einem Finger auf andere zeigt, stets vier auf einen zurückweisen:

Und dies ist der traurige Teil: Der gemeine Westler sieht sich hier nur wieder in seinen schlimmsten Vorurteilen bestätigt. Obwohl aus ihren Reihen direkt oder indirekt die beiden höchsten Würdenträger dieses Landes kommen (werden), fällt den Wortgewaltigen nur Nörgelei ein. Wenn man nicht wüsste, welche kleine Minderheit (und ich sage leider) die evangelischen Theologen in Ostdeutschland vertreten, dann müsste man sagen: ‘Die spinnen die Ossis’.

Da irrt der Mann und hat doch recht. Die ostdeutsche Debatte, ob Gauck nur kein Regimefreund war oder auch ein Bürgerrechtler mutet skurill an aber mehr auch nicht. Und wird von uns Wessis mittlerweile nur noch belustigt aufgenommen. Wir haben erstens andere Probleme und die Figuren der Zeitgeschichte, die sich gegenseitig in verschiedenen Provinzstädten gegenseitig Friedenspreise verleihen, nehmen sich nur untereinander als moralische Instanz war. Gaucks Nominierung bietet ihnen nicht nur die Chance, sich noch einmal in´s Rampenlicht und vor die Fernsehkameras zu stehlen und vor einem weiteren Publikum in die verblichene Erinnerung zu rufen und den alten verloren gegangenen Kampf noch mal anzuzetteln.

Dabei schmerzt es sie, dass das vermeintliche Scheitern des Kapitalismus nicht sie sondern Gauck auf den Schild gehoben hat, der eine solche Behauptung doch in´s Reich der Lächerlichkeit verwiesen hat. Wie auch die gegenwärtige evangelische Kirche beweist, ist sie näher an der sozialistischen Ideologie als an der Kantschen Philosophie der Eigenverantwortung und der Freiheit. Deshalb verbrüdern sie sich lieber mit der Partei ihrer früheren Peiniger statt mit demjenigen, der sie systematisch an den Pranger stellte.

Die Diskussion zeigt aber auch, dass die Euphorie und die anschließende Enttäuschung über die Wiedervereinigung den Blick verstellt hat über eine Geschichte, die auch gesamtdeutsch ist. Gaucks Präsidentschaft birgt die Hoffnung, dass die merkwürdig undefinierte Identität der Nation, aus der ein gefährlicher Wankelmut erwächst, etwas strukturierter wird. Und dazu haben dann auch die 11 Bürgerrechtler, die in altbewährter Manier einen Aufruf formulierten, einen Beitrag geleistet. Ob ihnen das Ergebnis am Ende gefällt, sei dahin gestellt. Aber die Erfahrung haben sie ja schon mal gemacht.