Als vor ein paar Wochen in einem alternativen Kino in Neukölln die deutsche Doku „Radioactivists“ über japanische Anti-Atom-Aktivisten lief, machte ich mir  keine Hoffnungen auf einen gelungenen Abend. Ich möchte mir noch nicht einmal vorstellen, was ein enthemmter  Ökomob anrichten würde, wenn in Deutschland ein ernster Störfall in einem AKW aufgetreten wäre – die Vorgänge beim letzten Castor-Transport lassen in dieser Hinsicht nichts Gutes erahnen.  Ich stellte mich auf Menschen ein, die wütend in die Kamera brüllen, auf Szenen mit prügelnden Polizisten und randalierenden Jugendlichen, was man ebenso erwartet, wenn es um linksstehende Politaktivisten geht.

Nichts von dem bekam ich in der folgenden Stunde zu sehen. Japanische Atomkraftgegner sind zwar ebenso links wie ihre deutschen Kollegen aber statt Parolen zu grölen erläutern sie ruhig ihre Ansichten – in ganzen Sätzen und ohne moralische Selbsterhöhung. Viele davon teile ich nicht, am wenigsten die abgedroschene Kapitalismuskritik. Es ist einfach, einen „alternativen Lebensstil“ einzufordern, aber welcher der Aktivisten verzichtet als erster auf sein MacBook? Trotzdem wirken die überwiegend jungen Menschen sofort sympathisch, und das nicht nur, weil es auch aus liberaler Sicht geboten ist Kungeleien zwischen mächtigen Konzernen und Regierungen zu hinterfragen, so wie sie es im Fall Tepco tun. Es ist vor allem das zivilisierte Auftreten, das sie von ihren miesepetrigen deutschen Pendants unterscheidet. Den  sanftmütigen Ökos aus dem Land der aufgehenden Sonnen scheint der politkommissarhafte Hass auf Andersdenkende, der unsere Umweltfanatiker vor allem auszeichnet, völlig fremd zu sein.

Dabei sind viele von ihnen davon überzeugt, dass der Filz zwischen Tepco und der Regierung echte Transparenz verhindert, auch jetzt noch, nach dem GAU. Die Japaner müssen sich ihre Atomlobby ebenso wenig herbei halluzinieren wie die Einschüchterungsversuche der Polizei, die das Recht hat Demonstranten ohne Anklage mehrere Wochen festzuhalten. Trotzdem sind die Demos der AKW-Gegner eine humorvolle und selbstverständlich gewaltfreie Angelegenheit. Die Aktivisten überlegen sich kreative Aktionen, tanzen als Clowns verkleidet Polizisten schwindelig und lokale Bands sind auf Partywagen dabei, um  es musikalisch krachen lassen – nicht mit Pflastersteinen. Die Atmosphäre ist entspannt und freundlich, und das ein paar Monate nach einem massiven Störfall. Bei unseren dauerhysterischen Atomapokalyptikern unvorstellbar. Nebenbei bemerkt verwechseln japanische AKW-Gegner Jutesäcke nicht mit Kleidung und scheinen ihre Duschen regelmäßig zu benutzen. Auch hier könnten sich unsere heimischen Ökozottel ruhig ein paar Scheiben abschneiden.

Die ökologischen Linken in Japan haben ebenso wie ihre deutschen Kollegen seltsame Ansichten zur Marktwirtschaft, kiffen wie die Weltmeister und neigen zu einer arg vereinfachenden Sicht auf Politik und Gesellschaft. Aber hysterische Schreckschrauben, faschistoide Funktionärstypen und verbiesterte Weltuntergangsprediger muss man in ihren Reihen anscheinend mit der Lupe suchen. Das Punk-Kollektiv „Human Recovery Project“  beispielsweise, das bei den Demos immer ganz vorne mit dabei ist, engagiert sich für die Menschen, die immer noch in Massenunterkünften ausharren müssen, weil der Tsunami ihre Häuser zerstört hat. Eine Musikerin, deren Frisur vermutlich für weite Teile des Ozonlochs verantwortlich ist, erzählt voller Begeisterung, wie sie mit den Kindern in einer solchen Unterkunft gebastelt hat. Was für ein Kontrast zu unseren verzogenen Wohlstandsprösslingen, die Autos abfackeln und Flaschen auf Polizisten werfen, um so ein Zeichen gegen „das System“ zu setzen.

Nach der Filmvorführung war eine Diskussion mit den beiden Regisseurinnen angesetzt und Dank der zahlreich anwesenden linksrotgrünen Bessermenschen wurde man umgehend in die harte deutsche Realität zurückgeholt. Ob die Doku überhaupt in Japan gezeigt werden dürfe, fragte eine ergraute 68erin in besorgtem Tonfall und ein bärtiger Herr wollte wissen, ob die Japaner  auch schon selber auf die Idee gekommen wären, die Demonstrationen zu filmen, oder ob das nur Ausländer machen. Zum Schluss verkündete ein Wollpulliträger, dass im Foyer eine Unterschriftenliste gegen den Bau von Atomkraftwerken in Japan ausliegt  – Willkommen im Neokolonialismus. Beim Rausgehen vernahm ich noch, wie irgendein Ökofunktionär großspurig eine verstärkte Zusammenarbeit mit den japanischen AKW-Gegnern ankündigte, damit sie von der langjährigen Erfahrung der Deutschen profitieren könnten – der japanischen Anti-Atom-Bewegung zuliebe kann man nur hoffen, dass das nicht klappt.